Region
Zürich Oberland, Schweiz
Spannungsfeld
Der Rüeggshuser Hof steht exemplarisch für eine Frage, die sich heute vielerorts stellt: Wie lassen sich historisch gewachsene Landwirtschaftsbetriebe so weiterentwickeln, dass ihre Entwicklungsfähigkeit erhalten bleibt? Zwischen Bodenrecht, Generationenwechsel und wirtschaftlichem Druck entstehen oft Entscheidungen, deren langfristige Auswirkungen weit über einen einzelnen Hof hinausreichen. Das Projekt entwickelt daraus ein Modell, das Agrarökologie, Agroforst, regionale Wertschöpfung, Forschung und Bildung zu einem zukunftsfähigen Hoforganismus verbindet.
Status
2026 stehen Betriebskonzept, Einspracheverfahren und Detailplanung im Zentrum. Parallel werden Partnerschaften in Landwirtschaft, Forschung und regionaler Wertschöpfung aufgebaut sowie die betriebliche und finanzielle Umsetzung vorbereitet. Der Rüeggshuser Hof dient zugleich als Ausgangspunkt, um Strukturen für den frühzeitigen Erhalt gefährdeter Landwirtschaftsbetriebe weiterzudenken, bis hin zur Idee einer REGA für Landwirtschaftsbetriebe.

Hof Rüeggshusen
Wie aus einem historischen Hof ein lebendiger Organismus für kommende Generationen entstehen kann.
Manche Orte erzählen ihre Geschichte über Jahrhunderte.
Der Weiler Rüeggshusen in der Gemeinde Bubikon ZH gehört dazu.
Er ist spätestens seit dem Jahr 775 urkundlich belegt und zählt damit zu den ältesten nachgewiesenen Siedlungen im Zürcher Oberland.
Seit über zwölf Jahrhunderten wird hier Landwirtschaft betrieben.
Heute steht dieser Ort an einem Wendepunkt.
Im Rahmen einer Erbfolge soll die Hofstelle vom Landwirtschaftsbetrieb abgetrennt werden.
Aus juristischer Sicht handelt es sich um ein Verfahren, wie es vielerorts vorkommt.
Dieser Fall wirft jedoch eine grundlegendere Frage auf.
Wie lässt sich ein historisch gewachsener Landwirtschaftsbetrieb so weiterentwickeln, dass er auch für kommende Generationen seine Entwicklungsfähigkeit behält?
Aus dieser Frage heraus entstand das vorliegende Projekt.
Ausgangslage
Der Rüeggshuser Hof umfasst rund zehn Hektaren Kulturland und Wald.
Für die Projektentwicklung wird ein zusammenhängender Bewirtschaftungsperimeter von rund 8.5 Hektaren betrachtet.
Die Flächen werden heute überwiegend für Ackerbau und Wiesen genutzt.
Eine Tierhaltung findet derzeit nicht statt.
Der Standort besitzt aussergewöhnliche Qualitäten.
Die Flächen sind weitgehend arrondiert.
Die Hofstelle liegt unmittelbar im Produktionsraum.
Unterschiedliche Expositionen, Wasserläufe und Geländestrukturen schaffen vielfältige Standortbedingungen.
Genau diese Vielfalt eröffnet die Möglichkeit, Landwirtschaft wieder als zusammenhängendes System zu entwickeln und nicht als Summe einzelner Kulturen.
Ein anderer Blick auf Landwirtschaft
Dieses Projekt beginnt mit einer einfachen Frage: Was macht einen Landwirtschaftsbetrieb eigentlich aus?
Die naheliegende Antwort lautet: Felder, Wiesen, Gebäude und Maschinen.
Eine andere Perspektive zeigt ein anderes Bild.
Ein Landwirtschaftsbetrieb ist ein lebendiger Organismus.
Boden, Wasser, Pflanzen, Tiere und Menschen stehen in einer fortlaufenden Beziehung zueinander.
Verändert sich ein Teil, verändert sich das Ganze.
— Landwirtschaft beginnt mit dem Verständnis von Beziehungen.
Hier greifen die Prinzipien der Agrarökologie.
Sie betrachtet den Betrieb als Ökosystem.
Vielfalt ersetzt Einseitigkeit.
Kreisläufe ersetzen lineare Prozesse.
Dauerhaft bewachsener Boden ersetzt offene Erde.
Natürliche Entwicklungen werden genutzt, statt gegen sie zu arbeiten.
Gesunder Boden speichert Wasser.
Wasser versorgt Pflanzen.
Tiefwurzelnde Gehölze erschliessen Nährstoffe aus Bodenschichten, die Ackerpflanzen nie erreichen würden.
Blätter und Astmaterial werden zu Mulch und Humus.
Mikroorganismen bauen daraus fruchtbaren Boden auf.
Tiere verteilen Nährstoffe über ihre Weidegänge und fördern das Bodenleben.
Mit jedem Jahr wächst so die Fruchtbarkeit des gesamten Standorts.
Aus diesem Zusammenspiel entstehen Landwirtschaftssysteme, die Trockenperioden besser überstehen, Starkregen aufnehmen können, Biodiversität fördern und hochwertige Lebensmittel hervorbringen.
Die Skizze
Der Rüeggshuser Hof soll sich Schritt für Schritt zu einem vielfältigen agrarökologischen Landwirtschaftsbetrieb entwickeln.
Anstelle einer einzelnen Produktionsrichtung soll ein Hoforganismus mit mehreren sich ergänzenden Betriebszweigen entstehen.
Im Zentrum steht ein syntropisch aufgebautes Agroforstsystem.
Dabei orientiert sich die Entwicklung an den natürlichen Sukzessionsprozessen eines Waldes.
Unterschiedliche Vegetationsschichten (sogenannte Straten) wachsen bewusst miteinander.
Schnell wachsende Pioniergehölze schaffen Biomasse und schützen den Boden.
Sträucher und Obstgehölze übernehmen mittelfristig die Produktion.
Langlebige Bäume prägen die Landschaft über Generationen.
Dazwischen entstehen Ackergassen mit Gemüse, Getreide, Eiweisspflanzen und Mischkulturen.
Durch regelmässigen Rückschnitt gelangt kontinuierlich organische Masse zurück auf den Boden.
Was am Waldrand von selbst geschieht, wird hier bewusst gestaltet.
Wo Gehölze wachsen, entstehen auch Weiden.
Rinder nutzen den Schatten der Bäume, halten die Vegetation kurz und fördern den Nährstoffkreislauf.
Die Gehölze verbessern das Mikroklima, liefern Biomasse sowie später Früchte oder Nüsse.
Landwirtschaft, Tierhaltung und Gehölze entwickeln sich als gemeinsames System.
Keyline-Planung, Wasserretention und dauerhafte Bodenbedeckung unterstützen diesen Prozess.
Wasser soll möglichst lange in der Landschaft gehalten werden.
Jede Massnahme verfolgt mehrere Funktionen gleichzeitig: Produktion, Bodenaufbau, Biodiversität und Klimaresilienz.
— Die wichtigste Kulturpflanze eines Landwirtschaftsbetriebs ist fruchtbarer Boden.
Agrarökologie bedeutet dabei keineswegs Handarbeitromantik.
Viele Systeme lassen sich ausgesprochen effizient bewirtschaften.
Hasel oder Ölweiden können beispielsweise auf Stamm erzogen werden.
Erntenetze und Rüttler ermöglichen später eine rationelle Ernte.
Moderne Technik bleibt ein wichtiger Bestandteil des Betriebs.
Entscheidend ist ihr sinnvoller Einsatz innerhalb eines lebendigen Systems.
Auf vorhandener Erfahrung aufbauen
Besonders wertvoll ist die praktische Erfahrung, auf die das Projekt aufbaut.
Auftraggeber ist der unmittelbar angrenzenden Wyler’s Biohof.
Dort entstand in den vergangenen vier Jahren ein komplexes Agroforstsystem mit Waldgarten, Beerenproduktion, Kräuterkulturen, Obstgehölzen und vielfältigen Lebensräumen.
Viele Erfahrungen, die dort gesammelt wurden, lassen sich in die Entwicklung des Rüeggshuser Hofs einbringen.
Die unmittelbare Nachbarschaft ermöglicht einen kontinuierlichen Erfahrungsaustausch.
Beide Betriebe können sich langfristig zu einem zusammenhängenden Entwicklungsraum ergänzen.
Landwirtschaft endet nicht am Feldrand
Ein zukunftsfähiger Landwirtschaftsbetrieb braucht mehr als eine gute Produktion.
Er braucht funktionierende Wertschöpfung.
Deshalb ist der Rüeggshuser Hof von Beginn an als Teil eines regionalen Netzwerks gedacht.
Gemeinsam mit weiteren Agroforstbetrieben entstehen Verarbeitung, Produktentwicklung und Vermarktung.
Unter dem gemeinsamen Schirm Naturkraft werden bereits heute neue Lebensmittel entwickelt, welche die Qualitäten agrarökologischer Landwirtschaft sichtbar machen.
Regionale Verarbeitung schafft Wertschöpfung dort, wo sie entsteht.
Kleinere Betriebe erhalten Zugang zu Märkten, die sie alleine kaum erschliessen könnten.
Aus einzelnen Höfen entsteht ein gemeinsamer Wirtschaftsraum.
Mehr als ein einzelner Landwirtschaftsbetrieb
Der Rüeggshuser Hof soll zeigen, welches Potenzial in bestehenden Landwirtschaftsbetrieben steckt.
Hier begegnen sich Fragen, die weit über einen einzelnen Hof hinausreichen.
Wie sichern wir fruchtbare Böden?
Wie halten wir Wasser länger in der Landschaft?
Wie entstehen widerstandsfähige Agrarsysteme?
Wie verbinden wir Biodiversität mit wirtschaftlicher Tragfähigkeit?
Wie entwickeln Regionen ihre eigene Lebensmittelversorgung weiter?
Wie arbeiten Landwirtschaft, Forschung, Verarbeitung und Gesellschaft enger zusammen?
Der Hof wird damit zu einem Ort, an dem neue Antworten unter realen Bedingungen entstehen können.
Als Einladung zum gemeinsamen Lernen und Weiterentwickeln.
— Ein Landwirtschaftsbetrieb ist dann erfolgreich, wenn seine ökologische, soziale und wirtschaftliche Tragfähigkeit miteinander wachsen.









