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Wer schützt eigentlich unseren Boden?

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Wer schützt eigentlich unseren Boden?

Warum die Schweiz eine REGA für Landwirtschaftsbetriebe braucht.

Es gibt Momente, in denen ein einzelner Fall den Blick auf ein viel grösseres Problem öffnet.
Der Rüeggshuser Hof in Bubikon ZH ist ein solcher Fall.

Auf den ersten Blick geht es um einen Landwirtschaftsbetrieb mit rund zehn Hektaren arrondiertem Kulturland, Wald und einem Wohnhaus.
Ein Fall unter vielen.

Auf den zweiten Blick geht es um eine grundsätzliche Frage.
Wer übernimmt in der Schweiz eigentlich die Fürsprache für den Boden?

Nicht für einen Eigentümer.
Nicht für eine Behörde.
Nicht für einen Verband.
Für den Boden.
Denn Boden kann keine Einsprache erheben.

Das Paradoxon unseres Systems

Die Schweiz verfügt über eines der weltweit stärksten Bodenrechte.
Das Bäuerliche Bodenrecht (BGBB) soll verhindern, dass Landwirtschaftsbetriebe zerschlagen, spekulativ gehandelt oder ihrer landwirtschaftlichen Funktion entzogen werden. 

Die gesetzliche Grundlage ist vorhanden.
Und trotzdem verschwinden Jahr für Jahr Hunderte Landwirtschaftsbetriebe.
Seit den 1970er-Jahren hat sich ihre Anzahl mehr als halbiert.
Allein im Jahr 2025 haben 805 Schweizer Bauernhöfe ihren Betrieb endgültig eingestellt.
Mehr als zwei pro Tag. 

Warum verlieren wir trotz dieser Gesetze weiterhin unsere Betriebe?

Je tiefer man sich in den Rüeggshuser-Fall einarbeitet, desto deutlicher wird das eigentliche Paradoxon.
Alle Beteiligten handeln innerhalb ihrer gesetzlichen Zuständigkeiten und Rechte.
Und trotzdem verschwindet am Ende ein Betrieb.

Niemand handelt falsch.
Und dennoch entsteht am Ende das falsche Ergebnis.

Die Eigentümer verfolgen ihre legitimen Interessen.
Die Gemeinde entscheidet innerhalb ihrer Kompetenzen.
Der Kanton prüft den formalen Sachverhalt.

Verbände verfügen oft über kein oder nur ein sehr eingeschränktes Beschwerderecht.
Dass ein Betrieb zerschlagen werden soll, erfahren sie erst gar nicht.
Sie müssten jedes amtliche Blatt der Schweiz durchforsten.

Nachbarn besitzen häufig gar keine Möglichkeit, sich einzubringen.

Am Ende scheint jeder seiner Verantwortung gerecht geworden zu sein.
Nur der Landwirtschaftsbetrieb existiert danach nicht mehr.


— Die grössten Systemfehler entstehen dort, wo niemand für das Ganze verantwortlich ist.


Das System schaut zurück.
Nicht nach vorne.

Die Verfahren orientieren sich verständlicherweise an klar definierten gesetzlichen Fragestellungen.
Besteht heute noch ein landwirtschaftliches Gewerbe?
Wurden Tiere gehalten?
Wie viele Grundstücke gehören zum Betrieb?
Welche Nutzung besteht aktuell?

All diese Fragen sind legitim und wichtig.
Sie beschreiben den heutigen Zustand.
Was jedoch kaum vorkommt, ist die Zukunft.

Was passiert, wenn ein tragfähiges Betriebskonzept vorliegt?
Wenn bereits Nachfolger bereitstehen?
Wenn Fachhochschulen, AGRIDEA oder andere Institutionen den Aufbau begleiten?
Wenn ein Betrieb nicht seinem Ende entgegengeht, sondern seiner Wiedergeburt?

Diese Perspektive scheint im Verfahren nur eine Rolle zu spielen, wenn jemand von aussen darauf hinweist. 
Nach 20 Tagen Einsprachefrist ist das Thema erledigt und der Hof Geschichte.


— Der eigentliche Wert eines Landwirtschaftsbetriebs liegt nicht in seinen Gebäuden und Flächen.
— Er liegt in seiner Fähigkeit, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.


Der grösste Verlust ist nicht das abparzellierte Gebäude.
Es ist die Entwicklungsfähigkeit von Betrieb und Region.

Ein Landwirtschaftsbetrieb besteht nicht nur aus Haus, Stall und Land.
Er ist ein Organismus.
Ein Ort, an dem Boden, Wasser, Biodiversität, Menschen, Tiere und regionale Wertschöpfung miteinander verbunden sind.

Wird dieser Organismus auseinandergerissen, verschwindet weit mehr als eine Liegenschaft.
Es verschwindet Entwicklungsfähigkeit.

Gerade kleinere und mittlere Betriebe sind häufig jene Orte, an denen Neues überhaupt erst entstehen kann.
Agroforst.
Silvopastorale Systeme.
Regionale Lebensmittel.
Direktvermarktung.
Humusaufbau.
Wasserretention.
Bildung.
Neue Kooperationsformen.

Mit jeder unnötigen Zerschlagung verlieren Regionen einen Teil ihrer Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln.


— Landwirtschaft produziert weit mehr als Lebensmittel.
— Sie produziert Bodenfruchtbarkeit, Wasserhaushalt, Biodiversität, Landschaft, Resilienz und Zukunft.


Ein weiteres Paradoxon

Die ökonomischen Anreize verlaufen diametral zum Interesse eines geschützten, lebendigen Bodens.
Eine Abparzellierung wird den Wert einzelner Gebäude im Normalfall erhöhen.
Oft vervielfachen.
Sie wird damit zusätzliche Steuererträge auslösen.
Auf mehreren Ebenen.
Sie schafft fast immer unmittelbare wirtschaftliche Vorteile für verschiedene Beteiligte.

Der langfristige Verlust eines zusammenhängenden Landwirtschaftsbetriebs taucht dagegen in keiner Bilanz auf.
Wir bewerten kurzfristige Vermögensgewinne.
Wir bewerten nicht den Verlust regionaler Entwicklungsfähigkeit.

Die legitime Frage: Wer schützt eigentlich den Boden?
Diese Frage fesselt, wenn man sich genug mit ihr auseinandersetzt.

Denn es muss folgendes festgehalten werden:

Für Eigentümer gibt es Beratung.
Für Gemeinden gibt es Fachstellen.
Für Bewilligungen gibt es Verfahren.
Für Fördergelder gibt es Programme.
Für Banken gibt es Gutachten.
Für Gerichte gibt es Gesetze.

Doch wer vertritt den Boden?

Wer erkennt frühzeitig, dass ein Betrieb erhalten werden könnte?
Wer bringt Eigentümer, Behörden, Investoren und mögliche Nachfolger an einen Tisch?
Wer entwickelt Alternativen, bevor unumkehrbare Tatsachen geschaffen werden?
Wer denkt nicht in Parzellen, sondern in Hoforganismen und regionaler Resilienz.

Diese Rolle scheint heute niemand systematisch wahrzunehmen.

Eine REGA für Landwirtschaftsbetriebe

Vielleicht braucht die Schweiz etwas, das in seiner Funktion an die REGA erinnert.
Keine Behörde.
Keine politische Organisation.
Keine weitere Interessensvertretung.
Sondern eine Art REGA für Landwirtschaftsbetriebe.

So wie die international bekannte Schweizer REGA ausrückt, wenn Menschen in Not geraten, könnte eine solche Organisation ausrücken, wenn ein Landwirtschaftsbetrieb droht, seine Zukunft (sein Leben) zu verlieren.
Nicht erst nach der Zerschlagung.
Bereits bei Meldung von Gefahr.

Welche Aufgaben könnte eine solche REGA-LW haben?

Früherkennung

Sie könnte eine „Emergency Resonse“-Meldestelle für gefährdete Betriebe sein. 
Nicht erst, wenn Verfahren laufen.
Sondern sobald erste Hinweise auf strukturelle Risiken entstehen.

Interdisziplinäre Soforthilfe

Ein Team aus Landwirtschaft, Bodenrecht, Raumplanung, Finanzierung, Betriebswirtschaft, Mediation, Agrarökologie arbeitet gemeinsam am gleichen Tisch.
Nicht nacheinander.
Und nicht jede oder jeder für sich.

Entwicklung von Alternativen

Kann der Betrieb erhalten werden?
Gibt es Nachfolger?
Neue Betriebsmodelle?
Kooperationen?
Stiftungen?
Investoren?
Pachtmodelle?
Agroforst?
Silvopastorale Nutzung?
Bevor etwas zerstört wird, sollten Alternativen sichtbar gemacht werden.

Moderation

Viele Konflikte entstehen nicht aus bösem Willen.
Sondern aus fehlender Kommunikation.
Eine neutrale Moderation könnte Eigentümer, Behörden, Gemeinden und Interessierte frühzeitig zusammenbringen.
Ein Agrardialog würde sich anbieten.

Wissen bündeln

Jeder Fall erzeugt Erfahrungen.
Heute verschwinden diese meist wieder.
Eine REGA-LW könnte daraus lernen.
Muster erkennen.
Verbesserungen ableiten.
Gesetzeslücken sichtbar machen und deren Schliessung begleiten.

Regionale Entwicklungsfähigkeit sichern

Der eigentliche Auftrag wäre nicht der Schutz einzelner Gebäude.
Sondern der Schutz der langfristigen Entwicklungsfähigkeit unserer Regionen.
Denn Landwirtschaft ist Infrastruktur.
Nicht weniger wichtig als Trinkwasser.
Oder Energie.
Sie sichert Ernährung, Wasser, Biodiversität und regionale Wertschöpfung.
Und deshalb verdient sie dieselbe Weitsicht wie andere kritische Infrastrukturen.


— Wer Infrastruktur schützt, schützt Zukunft.
— Wer Landwirtschaft schützt, schützt beides.


Es geht um weit mehr als einen Hof.
Der Rüeggshuser Hof ist kein Einzelfall.
Er macht lediglich sichtbar, was an vielen Orten geschieht.

Die Frage stellt sich: Wie viele ähnliche Betriebe verlieren wir jedes Jahr, ohne dass überhaupt jemand sich verantwortlich gefühlt hat, den gesamten Organismus zu begreifen?

Erste Schritte sind getan.
Aus verschiedenen Strukturen heraus werden immer mehr Betriebe bei ihrer agrarökologischen Transformation begleitet. 
Dabei entsteht ein grösserer Denkraum.

Wie können Regionen ihre Entwicklungsfähigkeit langfristig sichern?
Wie lassen sich Landwirtschaft, Raumplanung, Finanzierung, Forschung und regionale Wertschöpfung besser miteinander verbinden?

Aus diesen Fragen entwickeln sich konkrete Ansätze, gemeinsam mit engagierten Menschen aus Praxis, Wissenschaft und Regionalentwicklung.
Die Richtung ist klar: Weg von der reinen Fallbearbeitung, hin zu Strukturen, die Zukunft ermöglichen.

Vielleicht ist diese Idee noch unausgereift.
Vielleicht fehlen wichtige Perspektiven.
Vielleicht existiert diese REGA-LW bereits.
Nicht als Organisation.
Sondern verteilt auf viele Menschen.
Landwirte.
Behörden.
Forschende.
Juristinnen.
Raumplaner.
Stiftungen.
Gemeinden.

Vielleicht fehlt nur, dass sie sich früh genug finden.

Haben Sie Interesse, an einer REGA Landwirtschaft mitzuwirken? Melden Sie sich gerne. [email protected] 


Kai Isemann

Über fünfzehn Jahre internationale Finanzwirtschaft und unternehmerische Erfahrung prägen meine Arbeit.
Heute kuratiere ich Denk- und Entwicklungsräume an den Schnittstellen von Landwirtschaft, Gesellschaft und Kapital.
Hier entstehen Reallabore, Dialogräume und Impulse, die Zusammenhänge sichtbar machen und Orientierung in komplexen Situationen schaffen.
Entwicklung beginnt dort, wo unterschiedliche Wirklichkeiten eine gemeinsame Sprache finden.


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