Kasse Zurück zur Website
Skip to main content

Schlagwort: Reallabor

ERDKINDER: Wenn Lernen lebendig wird

ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

Themenbereiche

ERDKINDER: Wenn Lernen lebendig wird


Das System, in dem ich gross geworden bin, tut sich bis heute schwer, mich zu begreifen. Als hochsensibler und neurodiverser Mensch war ich schon früh zu schnell überwältigt, zu tief betroffen, zu leise für die Lauten und zu laut für die Stillen. Ich konnte vieles begreifen, aber selten das, was man von mir verlangte zu verstehen. Meine Kinder erleben Ähnliches. Deshalb begann ich früh damit, andere Wege zu suchen. Wege, die nicht gegen die Natur des Kindes arbeiten, sondern mit ihr.


Viele Jahre habe ich alternative pädagogische Konzepte studiert, besonders jene von Maria Montessori und Rudolf Steiner, nicht als Dogma, sondern aus einem inneren Drang heraus, das Lernen in seiner Tiefe zu begreifen. Immer wieder staunte ich darüber, wie präzise diese beiden Menschen das Wesen des Kindes beschrieben haben. Wie Lernen entsteht, wenn Hände denken dürfen und wenn die Welt nicht Theorie ist, sondern Berührung, Rhythmus und Verantwortung.

2017 durfte ich für die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung ein Oberstufen-Curriculum mitgestalten. Es wurde sorgfältig entwickelt, fachlich abgesichert, kantonal kompatibel. Aus Mangel an ökonomischer Energie und politischem Willen wurde es nicht umgesetzt. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif. Vielleicht fehlte der Mut. Vielleicht war die Politik zu unentschlossen, wie so oft, wenn es um Bildung geht. Schulleitende und Lehrpersonen rufen seit Jahren nach Transformation, doch der politische Prozess bewegt sich träge.

Die Schweiz ist in vielem innovativ. Aber wenn es um unsere Kinder geht, verharren wir in alten Bildern. Unser heutiges Schulsystem stammt aus einer Zeit, in der Kinder auf das Leben in Fabriken vorbereitet werden sollten. Gleichschritt, Normen, Standardisierung. Das war der Auftrag des 19. Jahrhunderts, nicht der Zukunft. Und gerade in der Schweiz, in einem Land, in dem man sich so frei wie kaum irgendwo sonst den Rahmen selbst gestalten kann, wirkt diese Starrheit besonders fremd.

Heute führen Kinder und Jugendliche ein Leben, das viel komplexer, vernetzter und zugleich verletzlicher ist als je zuvor. Sie brauchen Räume, die nicht enger, sondern weiter werden. Sie brauchen Orte, an denen sie nicht funktionieren müssen, sondern sich entfalten dürfen. Orte, an denen sie mit ihrer ganzen Wahrnehmungsfülle, sensibel, neurodivers, eigenwillig, willkommen sind.

Ein eigener Ort und die Erkenntnis, dass es viel mehr braucht

Vor einigen Jahren durfte ich selbst einen landwirtschaftlichen Raum zum Hüten übernehmen. Einen lebendigen, atmenden Ort. Ich begann, kleine Bildungsimpulse einzuflechten. Einen Waldgarten, der Zeit vermittelt. Tiere, die Beziehung schaffen. Ein Raum, der Stille lehrt. Arbeit, die Sinn macht. Kleine Erdkinder Momente, wie feine Akkupunkturnadeln im Boden einer grossen Kulturlandschaft.

Mehr und mehr entstehen solche Orte, auf dem Glück-Hof in Baden, bei den Knechtles im Appenzell und an vielen weiteren stillen Stellen der Schweiz.

Doch klar ist: Einzelne Höfe reichen nicht. Wir brauchen eine wirkliche Erdkinder-Welle. Eine Bewegung, die Kindern ermöglicht, das Lernen wieder zu begreifen und nicht nur zu verstehen. Eine Struktur, die Schulen entlastet, statt sie zu belehren. Eine Möglichkeit, das Curriculum in die reale Welt zu holen, ohne das konventionelle System zu bekämpfen.

Deshalb habe ich mich mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Organisationen zusammengesetzt und ein Modell entwickelt, das flächendeckend tragfähig ist und politisch anschlussfähig bleibt. Ein Modell, das dort ansetzt, wo Schulen und insbesondere Lehrpersonen an ihre Grenzen stossen.

ERDKINDER: Lernen im lebendigen Raum

ERDKINDER verlegt Bildung dorthin, wo sie entsteht: in die Landschaft, in die Kreisläufe, in die Rhythmen, in das echte Tun. Das öffentliche Curriculum wird nicht ersetzt, sondern in Handlung übersetzt. Mathematik im Messen und Planen. Sprache im Beobachten und Beschreiben. Natur und Technik im Boden, im Wasser, im Wetter. Sozialkompetenz im gemeinsamen Arbeiten. Verantwortung im Umgang mit Tieren und Pflanzen.

Das Modell ist modular aufgebaut. Kurze Besuche. Ganze Tage. Wochenprogramme. Und schliesslich ein ganzes Semester ausserhalb des Klassenzimmers. Jeder Hof, egal ob mit Gemüse, Wald, Beeren, Tieren oder Handwerk, kann Teil davon werden. Entscheidend ist nicht die Produktion, sondern die Lebendigkeit.

Und Lebendigkeit findet sich überall.

Auf einem Gemüsehof lernen Kinder, wie aus Samen Nahrung wird. Sie halten in den Händen, was sie später essen, und begreifen zum ersten Mal, dass Wachstum nicht aus dem Regal kommt, sondern aus Erde, Wasser und Geduld. Sie rechnen Reihenabstände und Erntemengen, ohne es zu merken.

In einem Waldstück wird Biologie plötzlich fühlbar. Kinder knien im Laub, heben eine Handvoll Erde hoch und sehen eine eigene Stadt aus Pilzen, Wurzeln und Insekten. Natur und Technik wird zu einem atmenden Organismus, nicht zu einer Abbildung.

Auf einem Agroforstbetrieb erleben Jugendliche, wie Landschaft gestaltet wird. Sie messen Gefälle, planen Wasserrückhalt und bauen kleine Terrassen. Was in der Schule als trockener Stoff erscheint, wird hier zu einem Puzzle, das sie mit ihren Händen lösen.

Auf Höfen mit Tieren entsteht ein sozialer Raum, der keine künstlichen Rollenspiele braucht. Ein Kind, das sonst still ist, übernimmt plötzlich die Führung beim Füttern. Ein anderes lernt, sich zurückzunehmen, weil Tiere auf laute Bewegungen reagieren. Sozialkompetenz entsteht nicht am runden Tisch, sondern im echten Gegenüber.

Beim Handwerk im Hofatelier mit Holz, Lehm, Metall und Reparaturen erleben Jugendliche Selbstwirksamkeit, die sie zuvor kaum kannten. Es ist etwas anderes, einen Werkzeugkasten in der Theorie zu besprechen, als selbst etwas zu reparieren und am Ende zu sehen, dass es jetzt funktioniert, weil sie es gemacht haben.

Auf einem Beerenhof oder in einer kleinen Verarbeitungsstube kommen Ernährung und Mathematik zusammen. Mengen und Gewichte. Haltbarkeit und Hygiene. Etiketten und Kreisläufe. Ein Tag in der Verarbeitung vermittelt mehr Gesundheitskompetenz als ein Monat im Klassenraum.

Und auf Höfen mit Waldgärten, Permakulturflächen oder extensiven Weiden lernen Kinder, dass Ökologie nicht moralisch ist, sondern faszinierend. Sie entdecken Zusammenhänge, spüren Rhythmen, erleben Jahreszeiten als Werkstatt.

Diese Orte öffnen sich nicht nur für Kinder, die gut funktionieren, sondern gerade für jene, die im konventionellen Schulraum an Grenzen stossen. Neurodiverse Kinder, fein wahrnehmende Jugendliche, hochsensible Persönlichkeiten. Was im Klassenzimmer als zu viel erscheint, zu viel Bewegung, zu viel Gefühl, zu viel Eigenwille, wird hier zur Ressource.

ERDKINDER schafft Lernräume, in denen jedes Kind seinen Platz finden kann. Nicht indem es klein gemacht wird, sondern indem die Welt grösser wird.

Was für die Kinder entsteht und was im Hintergrund getragen werden muss

Damit dieses Modell funktioniert, braucht es eine gemeinnützige Struktur, pädagogische Fachpersonen, Inklusionsbegleitung, regionale Koordinatorinnen, Sicherheitskonzepte, Material, Weiterbildungen. Und eine stabile Organisation, die Höfe wie Schulen unterstützt. Ein Semester auf einem Hof braucht Zeit, Präsenz und professionelle Begleitung. Es ist weit mehr, als ein Betrieb allein leisten kann.

Für den Aufbau solcher professionellen Strukturen braucht es eine solide Finanzierung. Ein gemeinnütziger ERDKINDER Fonds soll diese Aufgabe übernehmen. Er trägt die Kosten, damit Schulen frei entscheiden können. Kein Kind, keine Klasse, keine Schule soll vom Budget abhängen.

Im Hintergrund braucht es eine Aufbauphase von mehreren Hunderttausend Franken und danach einen jährlichen Betrieb, der sich nahe an zwei Millionen bewegt, je nachdem wie viele Höfe und wie viele Kinder teilnehmen. Das ist viel und zugleich wenig, wenn man bedenkt, wie tiefgreifend solche Lernräume wirken. Ein einziger Semesterhof verändert Leben und das über Generationen hinweg.

Die Schweiz hat alle Voraussetzungen – wir müssen sie nur nutzen

Kaum ein Land hat so viel Freiraum zur eigenen Gestaltung wie die Schweiz. Wir könnten diese Räume nutzen, um Bildung neu zu denken. Nicht als Bruch, sondern als Erweiterung. Schulen rufen danach, Lehrpersonen wünschen sich es, Kinder brauchen es. Doch die Politik bleibt langsam, zaudernd, überfordert. Wenn wir warten, verlieren wir eine weitere Generation an Lärm, Stress, Entfremdung und Überforderung.

Es liegt also an uns. An jenen, die Verantwortung übernehmen wollen und können. An jenen, die Entwicklungsräume kennen. An jenen, die begreifen, dass Bildung keine Ausgabe ist, sondern Kulturarbeit.

Wenn du Stiftungsvorstand bist, Unternehmerin, Vermögensverwalter, Förderer oder jemand, der im Stillen etwas Grosses bewegen möchte, lade ich dich ein, Teil dieser Aufbauarbeit zu werden. Der ERDKINDER Fonds soll nicht punktuell wirken, sondern strukturell. Er soll Lernräume schaffen, die Kindern ermöglichen, wieder in Beziehung zu sich selbst zu treten, zur Natur und zu anderen Menschen.

Ich freue mich über jede Kontaktaufnahme. Lassen wir gemeinsam zu, dass Kinder das Lebendige wieder begreifen dürfen! 


Kai Isemann

Mein Wahrnehmen folgt einer unkonventionellen kognitiven Architektur, die Muster früh erkennt und Zwischenräume ernst nimmt. Dieser Blick hat mich viele Jahre durch die Welt der Grossfinanz getragen. Dort wurde er zum Brennglas und ich begriff, wo Geld entsteht, wie es sich bewegt und wen es zurücklässt. Eine Einsicht, zugleich präzise und schmerzhaft.

Heute verbinde ich dieses Begreifen mit der Arbeit im Lebendigen. Die Bewirtschaftung eines syntropischen Agroforsts gibt meinen Analysen und Projekten Boden. Die Triple Bottom Line Methodik hält sie im Gleichgewicht von Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft, damit Entwicklung dort entsteht, wo gesundes Leben sie trägt.


ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

Weitere Impulse aus meinem Universum

Weiterlesen

Verantwortungseigentum: Wirtschaft neu denken – mit Haltung

ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

Themenbereiche

Verantwortungseigentum: Wirtschaft neu denken – mit Haltung


Unternehmen prägen unsere Gesellschaft weit über Produkte und Dienstleistungen hinaus. Sie beeinflussen, wie wir arbeiten, wie wir konsumieren, wie Ressourcen genutzt werden; und letztlich, wie resilient unsere Wirtschaft ist. Doch wenn Gewinnmaximierung und kurzfristige Interessen zum alleinigen Massstab werden, gerät Verantwortung ins Hintertreffen. Verantwortungseigentum setzt hier an: Es schafft Strukturen, in denen Unternehmen sich selbst gehören, Gewinne dem Zweck dienen und Eigentum nicht zum Spekulationsobjekt wird. Ein Modell, das weltweit erprobt wird und nun auch in der Schweiz an Bedeutung gewinnt.


Wem gehört ein Unternehmen? 

Wem gehört eigentlich ein Unternehmen? Diese scheinbar einfache Frage führt mitten ins Herz unserer Wirtschaftsordnung. Traditionell gilt: Wer das Kapital stellt, hat das Sagen. Eigentum bedeutet Kontrolle, und Kontrolle bedeutet Anspruch auf die Gewinne. Das klingt logisch und ist doch der Kern vieler Probleme. Denn wenn Gewinn und Kontrolle in denselben Händen liegen, rückt das eigentliche Ziel eines Unternehmens leicht in den Hintergrund: die Erfüllung eines Zwecks, die Bereitstellung von Produkten oder Dienstleistungen, die Lösung eines Problems, die Sicherung von Arbeitsplätzen, die Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt.

Das Modell des Verantwortungseigentums stellt dieses Grundprinzip infrage. Es sucht nach einem neuen Gleichgewicht zwischen Eigentum und Verantwortung. Die zentrale Idee ist einfach und radikal zugleich: Ein Unternehmen gehört nicht den Anteilseignerinnen und Anteilseignern, sondern sich selbst. Wer das Unternehmen führt, ist Treuhänder auf Zeit und verantwortlich dafür, die Mission weiterzutragen, nicht berechtigt, es zu verkaufen oder Gewinne beliebig abzuschöpfen.

Dieses Modell ist keine theoretische Vision. Es hat historische Wurzeln, wurde über Jahrzehnte in Stiftungsunternehmen wie Bosch oder Zeiss gelebt und erfährt in den letzten Jahren neue Aufmerksamkeit. Unter Begriffen wie Steward-Ownership oder Verantwortungseigentum formiert sich eine internationale Bewegung, die zeigt, dass Unternehmen auch ohne Spekulation, Exit-Strategien und kurzfristigen Shareholder-Value florieren können.

Die Prinzipien des Verantwortungseigentums

Im Kern folgen alle Unternehmen im Verantwortungseigentum vier Prinzipien.

Selbstbestimmung

Kontrolle üben jene aus, die mit dem Zweck verbunden sind – Mitarbeitende, Gründerinnen oder ein Kreis von Treuhändern. Wer Kapital investiert, erhält kein Mitspracherecht über die strategische Ausrichtung. Kapital wird zum dienenden Faktor, nicht zur dominanten Kraft.

Sinnorientierung

Gewinne sind notwendig, um ein Unternehmen stabil zu führen, in die Zukunft zu investieren, Mitarbeitende fair zu entlohnen oder Rücklagen für schwierige Zeiten zu bilden. Aber sie sind nicht Selbstzweck. Gewinne im Verantwortungseigentum sind ein Mittel, um den Zweck zu erfüllen, nicht der Zweck selbst.

Unverkäuflichkeit

Unternehmen können nicht als Spekulationsobjekte veräussert werden. Sie sind dauerhaft an ihren Zweck gebunden. Eigentümerinnen und Eigentümer sehen sich als Hüter, nicht als Besitzer.

Treuhandprinzip

Wer das Unternehmen leitet, hält es nur auf Zeit in Verantwortung. Wie ein Staffelstab wird die Aufgabe weitergegeben, nicht als Vermögensübertragung, sondern als Verpflichtung, die Mission in die nächste Generation zu begleiten. 

Diese Prinzipien greifen ineinander. Zusammen bilden sie einen Schutzraum, der Unternehmen von kurzfristigem Druck befreit und ihnen erlaubt, langfristig und im Sinne des Gemeinwohls zu handeln.

Internationale Beispiele

Dass dies funktioniert, zeigen viele Unternehmen weltweit. Bosch etwa gehört zu über 90 Prozent der Robert Bosch Stiftung. Sie sorgt dafür, dass Gewinne nicht privatisiert, sondern für Forschung, Innovation und gesellschaftliche Projekte eingesetzt werden. Bosch ist damit seit Jahrzehnten unabhängig von Börsenzwängen und bleibt dennoch hochprofitabel. Ähnlich verhält es sich bei Zeiss, wo eine Stiftung Eigentümerin ist und so die langfristige Ausrichtung des Unternehmens sichert.

Ein weiteres prominentes Beispiel ist Novo Nordisk in Dänemark. Der Pharmakonzern gehört mehrheitlich einer Stiftung, die dafür sorgt, dass Gewinne nicht allein den Kapitalmarkt bedienen, sondern in Wissenschaft und Gesellschaft zurückfliessen.

Neuere und dynamischere Fälle zeigen, wie das Modell Start-ups inspiriert. Ecosia, die Berliner Suchmaschine, hat sich durch eine Stiftung unverkäuflich gemacht. Alle Gewinne, die nicht im Unternehmen verbleiben, fliessen in weltweite Aufforstungsprojekte. Damit ist Ecosia ein Musterbeispiel, wie digitale Geschäftsmodelle Verantwortung und Wirkung verbinden können.

Elobau, ein mittelständisches Unternehmen in Deutschland, hat die Umstellung vollzogen und Nachhaltigkeit tief in seine Prozesse eingebettet.

Und dann ist da Patagonia, wohl das bekannteste Beispiel aus den USA. Gründer Yvon Chouinard entschied 2022, die Firma in eine treuhänderische Struktur zu überführen. Die Stimmrechte liegen nun beim Patagonia Purpose Trust, die wirtschaftlichen Rechte beim Holdfast Collective, einer gemeinnützigen Organisation. Damit ist Patagonia de facto unverkäuflich. Sämtliche Gewinne, die nicht für das Unternehmen gebraucht werden, fliessen in den Schutz der Natur.

Diese Beispiele machen deutlich: Verantwortungseigentum funktioniert in grossen Konzernen, im Mittelstand und in Start-ups. Es ist flexibel und universell anwendbar.

Schweizer Pioniere

Auch in der Schweiz gibt es erste Unternehmen, die den Schritt gegangen sind. Crowd Container, ein Zürcher Lebensmittelunternehmen, importiert seit 2022 Produkte direkt von Produzierenden aus dem globalen Süden und dem Mittelmeerraum. Mit der Umstellung auf Verantwortungseigentum haben sie sich unverkäuflich gemacht; Gewinne dürfen nicht privat ausgeschüttet werden, die Kontrolle liegt bei den aktiven Unternehmerinnen und Unternehmern. 

Ein zweites Beispiel ist die Toolbike AG mit ihrer Marke MONoPOLE, die Lastenräder produziert. Von Beginn an wurde sie nach Steward-Ownership-Prinzipien aufgebaut. Kapitalgeberinnen haben finanzielle Beteiligungsrechte, aber keine Kontrolle. Die Entscheidungen treffen jene, die mit der Mission verbunden sind.

Diese beiden Unternehmen sind Vorreiter in der Schweiz. Sie zeigen, dass Verantwortungseigentum auch hierzulande rechtlich möglich und wirtschaftlich tragfähig ist, und sie öffnen die Tür für weitere Nachahmer.

Wissenschaftliche Perspektive

Die Universität St. Gallen untersucht mit dem Projekt OPSY – The Potential of Steward-Ownership in Switzerland, wie dieses Modell im Schweizer Kontext funktioniert. Gefördert durch den Schweizerischen Nationalfonds, geht es nicht nur um theoretische Konzepte, sondern um empirische Forschung.

Die Projektbeschreibung hält fest:

„Unser Forschungsprojekt untersucht die Umsetzbarkeit und Akzeptanz von Steward-Ownership in der Schweiz. Im Zentrum stehen die Perspektiven von Unternehmer:innen und Führungskräften sowie die rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, die diese Eigentumsform begünstigen oder hemmen.“

Damit wird sichtbar, dass Verantwortungseigentum nicht nur eine idealistische Idee ist, sondern ein Feld wissenschaftlicher Analyse. Die Forschung an einer führenden Wirtschaftsuniversität wie der HSG verleiht dem Modell Legitimität und schafft Grundlagen für politische und rechtliche Entwicklungen.

Parallel dazu analysieren Juristinnen wie Anne Sanders die theoretischen Grundlagen. In ihrer Arbeit Binding Capital to Free Purpose schreibt sie:

„In steward-owned businesses, control is held by stewards who have no entitlement to the business’s profit. Profit therefore becomes a means to achieve the organization’s purpose, rather than an end in itself.“

Diese prägnante Formulierung bringt das Wesen des Verantwortungseigentums auf den Punkt: Gewinn ist nicht Ziel, sondern Werkzeug.

Die Chance für die Schweiz

Die Schweiz ist in besonderer Weise prädestiniert für Verantwortungseigentum. Genossenschaften, Stiftungen und Bürgerbeteiligung sind tief in der Kultur verankert. Unternehmen wie Migros oder Raiffeisen wurden ursprünglich mit einem klaren gesellschaftlichen Auftrag gegründet. Sie verkörperten lange Zeit ein starkes Gegengewicht zur reinen Gewinnorientierung. Doch gerade hier zeigt sich auch die Kehrseite: Mit der Zeit haben sich diese Prinzipien verwässert. Der ursprüngliche Anspruch, der über Jahrzehnte Vertrauen und Stabilität stiftete, ist in Teilen erodiert. Dass beide Organisationen heute mit strategischen und strukturellen Schwierigkeiten kämpfen, ist möglicherweise auch eine Folge davon, dass die Idee der klar gebundenen Verantwortung im Laufe der Zeit verwischt wurde. Verantwortungseigentum schafft hier einen schärferen Rahmen: Es verhindert, dass der ursprüngliche Zweck in Nebel von Kompromissen und Interessenkonflikten verloren geht.

Gerade im Mittelstand, wo die Nachfolgefrage drängender wird, bietet das Modell eine klare Antwort. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer stehen vor dem Dilemma: Soll das Lebenswerk an Investoren verkauft werden, mit der Gefahr, dass Kultur und Identität verloren gehen? Oder gibt es eine Alternative, die sicherstellt, dass der Betrieb unabhängig bleibt und im Sinne seiner Mission weitergeführt wird? Verantwortungseigentum bietet genau diesen Rahmen. Die Übergabe wird nicht zum Ausverkauf, sondern zur Weitergabe einer Verantwortung, die fest im Unternehmenszweck verankert ist. Damit lassen sich Nachfolgeregelungen stabiler und für alle Beteiligten fairer organisieren.

Auch für Investoren eröffnet das Modell neue Chancen. Sie beteiligen sich nicht an einem Spekulationsobjekt, sondern an einem langfristig stabilen System. Ihre Rendite ist zwar begrenzt, aber verlässlich. Mehr noch: Diese langfristige Sichtweise ist das ultimative Risikomanagement. Sie grenzt sich klar von klassischen Anlagen ab, die häufig durch kurzfristige Marktbewegungen, Übernahmespekulationen oder politische Volatilität gefährdet sind. Verantwortungseigentum bedeutet, dass Kapital in Strukturen fliesst, die dauerhaft Bestand haben – eine Form von Sicherheit, die im klassischen Finanzmarkt selten zu finden ist.

Verantwortungseigentum in der Landwirtschaft: RegioWert

Besonders spannend ist die Anwendung in der Landwirtschaft. Mit der RegioWert Treuhand AG in St. Gallen entsteht ein Unternehmen in Verantwortungseigentum, das die Leistungen der Landwirtschaft sichtbar, messbar und finanzierbar macht.

Kerninstrument ist AgriMetrix, ein Mess- und Steuerungssystem mit rund 400 Indikatoren, das ökologische, soziale und regionalökonomische Leistungen von Betrieben erfasst. Die RegioWert Treuhand AG bündelt die Rechte an diesem System und stellt es vor allem landwirtschaftlichen Betrieben, Verwaltungen, dem Handel und weiteren relevanten Akteuren zur Verfügung. Damit entsteht eine gemeinsame Datengrundlage, die Leistungen sichtbar macht und Vergleichbarkeit schafft.

In den regionalen RegioWert AGs wiederum werden die Energien gebündelt. Sie verknüpfen Bürgerkapital, öffentliche Hand, Wirtschaft und Zivilgesellschaft, um Investitionen gezielt in resilienzstärkende Strukturen zu lenken. Die AGs sind damit die Orte, an denen Messung, Finanzierung und regionale Umsetzung zusammenkommen.

So entsteht ein Modell, das Landwirtschaft und Regionalökonomie neu verbindet. Bürgerkapital fliesst dorthin, wo es Resilienz stärkt. Investoren finden eine Anlageklasse, die nicht auf kurzfristigen Profit, sondern auf langfristige Stabilität setzt.

Weiterführende Informationen

Purpose International

Purpose Schweiz


Kai Isemann

Mein Wahrnehmen folgt einer unkonventionellen kognitiven Architektur, die Muster früh erkennt und Zwischenräume ernst nimmt. Dieser Blick hat mich viele Jahre durch die Welt der Grossfinanz getragen. Dort wurde er zum Brennglas und ich begriff, wo Geld entsteht, wie es sich bewegt und wen es zurücklässt. Eine Einsicht, zugleich präzise und schmerzhaft.

Heute verbinde ich dieses Begreifen mit der Arbeit im Lebendigen. Die Bewirtschaftung eines syntropischen Agroforsts gibt meinen Analysen und Projekten Boden. Die Triple Bottom Line Methodik hält sie im Gleichgewicht von Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft, damit Entwicklung dort entsteht, wo gesundes Leben sie trägt.


ZURÜCK ZUR ÜBERSICHT

Weitere Impulse aus meinem Universum

Weiterlesen