Wer schützt eigentlich unseren Boden?
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BauernZeitung
4. September 2026
Lisa McKenna berichtet über den Aufbau von Hof & Boden und die Idee einer REGA für die Landwirtschaft, die gefährdete Betriebe frühzeitig unterstützen soll.
Wer schützt eigentlich unseren Boden?
Warum die Schweiz eine REGA für Landwirtschaftsbetriebe braucht.
Am Rüeggshuser Hof in Bubikon steht die Abparzellierung der Hofstelle zur Diskussion. Gebäude sollen aus ihrem bisherigen landwirtschaftlichen Zusammenhang herausgelöst werden. Für denselben Standort entsteht ein Betriebskonzept, das eine eigenständige Bewirtschaftung wieder ermöglichen soll. Während über die bestehende Liegenschaft entschieden wird, nimmt eine mögliche Zukunft Gestalt an.
Auf den ersten Blick geht es um Grundstücke und deren Nutzung. Bei näherer Betrachtung reicht die Frage weiter: Wer übernimmt die Fürsprache für den Boden? Wer sorgt dafür, dass seine landwirtschaftliche Zukunft geprüft wird, solange die wesentlichen Teile des Hofes noch zusammengehören?
Das Paradoxon unseres Systems
Die Schweiz verfügt mit dem Bäuerlichen Bodenrecht über einen starken gesetzlichen Schutz. Das BGBB soll bäuerliches Grundeigentum fördern, Familienbetriebe erhalten und die Stellung der Selbstbewirtschaftenden stärken. Es begrenzt die Teilung landwirtschaftlicher Gewerbe und wirkt übersetzten Bodenpreisen entgegen.
Dennoch sinkt die Zahl der Landwirtschaftsbetriebe weiter. Im Jahr 2025 zählte die Schweiz 46’270 Betriebe, 805 weniger als im Vorjahr.
Hinter dieser Entwicklung stehen unterschiedliche Geschichten. Eine Betriebsaufgabe kann eine sinnvolle Neuordnung ermöglichen. Flächen können benachbarte Betriebe stärken, Menschen einen anderen Weg einschlagen. Mich beschäftigen jene Fälle, in denen eine landwirtschaftliche Perspektive verloren geht, bevor sie ernsthaft ausgearbeitet werden konnte.
Am Rüeggshuser Hof wird diese Frage konkret. Eigentümer brauchen eine Lösung für ihre Liegenschaft. Behörden beurteilen die ihnen vorgelegten Sachverhalte. Eine künftige Betriebsleitung braucht Gewissheit darüber, welche Flächen und Gebäude sie nutzen könnte.
Jede dieser Perspektiven hat ihre Berechtigung. Ihre Entscheidungen greifen jedoch ineinander. Wird ein wesentliches Gebäude abgetrennt, verändert sich auch das mögliche Betriebskonzept. Verändert sich das Konzept, verändern sich die Anforderungen an Menschen und Finanzierung.
Wer führt diesen Zusammenhang?
Zwischen geregelten Zuständigkeiten kann die Verantwortung für das Ganze verloren gehen.
Welche Zukunft wird geprüft?
Die rechtliche Beurteilung braucht klare Grundlagen. Dazu gehören die vorhandenen Grundstücke und Gebäude, ihre Nutzung und die Frage, ob ein landwirtschaftliches Gewerbe vorliegt.
Für die Entwicklung eines Standorts kommt eine weitere Frage hinzu: Was könnte hier unter tragfähigen Bedingungen wieder entstehen?
Ein Betriebskonzept kann zeigen, welche Bewirtschaftung zum Boden passt und wie daraus ein Einkommen erwachsen könnte. Geeignete Betriebsleitende bringen Erfahrung und Verantwortung ein. Fachliche Begleitung hilft, Annahmen zu prüfen und den Aufbau vorzubereiten.
Solche Möglichkeiten müssen rechtzeitig zusammenfinden. Eine Person kann einen Hof erst verbindlich übernehmen, wenn seine Nutzung geklärt ist. Eigentümer brauchen wiederum einen nachvollziehbaren Vorschlag, bevor sie sich auf einen anderen Weg einlassen.
Diese Arbeit braucht Zeit. In einem laufenden Verfahren können bereits kurze Fristen entscheidend werden. Wer eine Alternative entwickeln will, muss deshalb früh erfahren, was auf dem Spiel steht.
Eine Einsprache kann Handlungsspielraum sichern. In diesem Zeitraum muss dann eine Perspektive entstehen, über die sich entscheiden lässt.
Ein Hof ist ein Organismus
Ein Landwirtschaftsbetrieb lebt von den Beziehungen zwischen seinen Teilen.
Die Menschen, die ihn führen, brauchen einen Ort zum Wohnen. Eine Ernte braucht geeignete Räume zur Aufbereitung und Lagerung. Wer Bäume pflanzt, muss die Fläche über viele Jahre bewirtschaften dürfen. Und wer diese Arbeit übernimmt, braucht eine wirtschaftliche Grundlage, die auch die Aufbauzeit trägt.
Aus solchen Beziehungen entsteht ein Hof. Werden sie aufgelöst, können seine Gebäude und Flächen einzeln weiterhin genutzt werden. Die Möglichkeit einer zusammenhängenden Bewirtschaftung kann dabei verloren gehen.
Der Boden bleibt. Seine landwirtschaftliche Funktion kann dennoch verloren gehen.
Gerade an einem Standort wie Rüeggshusen lässt sich fragen, was aus dem vorhandenen Zusammenhang wachsen könnte: ein Agroforstsystem, das Lebensmittelproduktion mit Bodenaufbau und Wasserrückhalt verbindet; eine Zusammenarbeit mit benachbarten Betrieben bei Verarbeitung und Absatz; ein Ort, an dem Wissen praktisch weitergegeben wird. Solche Ansätze gehören zur geplanten Entwicklung des Hofes.
Ihr Wert liegt auch in den Möglichkeiten, die sie für andere eröffnen. Ein Betrieb kann Rohstoffe für einen regionalen Verarbeiter liefern. Eine neue Verarbeitung kann weiteren Höfen den Anbau ermöglichen. Was an einem Ort beginnt, verändert die Handlungsmöglichkeiten in seiner Umgebung.
Ein weiteres Paradoxon
Bei einer Abparzellierung können die wirtschaftlichen Interessen in eine andere Richtung weisen.
Wenn ein Gebäude durch seine Herauslösung einen höheren Verkaufspreis erzielt, entsteht ein unmittelbarer Anreiz. Für die Eigentümer kann das eine verständliche Entscheidung sein. Der Erlös ist greifbar. Er lässt sich einer Person zuordnen und für deren weitere Lebensplanung einsetzen.
Wie bewerten wir dagegen die Möglichkeit, an diesem Ort wieder einen Landwirtschaftsbetrieb aufzubauen? Welchen Wert hat der Zusammenhang von Wohnraum, bewirtschaftbarem Boden und nutzbaren Wirtschaftsgebäuden für eine künftige Betriebsleitung?
Hier werden unterschiedliche Werte gegeneinander abgewogen. Der mögliche Verkaufserlös lässt sich vergleichsweise leicht beziffern. Die Bedeutung eines Hofes für die nächste Generation oder für seine Region muss erst sichtbar gemacht werden.
Fachwissen dafür ist vorhanden. Landwirtschaftliche Beratung verbindet bereits heute Fragen von Bodenrecht und Bewertung mit Hofübergabe, Betriebsplanung und Kooperation.
Die offene Aufgabe liegt darin, diese Kompetenzen früh genug für einen konkreten Fall zusammenzuführen. Jemand muss die nötigen Abklärungen veranlassen, mögliche Verantwortungsträger finden und den Prozess durch die verschiedenen Zuständigkeiten hindurch begleiten.
Ich verstehe diese Aufgabe als die eines advocatus terrae: eines Fürsprechers des Bodens. Seine Verantwortung gilt der langfristigen landwirtschaftlichen Möglichkeit eines Ortes.
Eine REGA für Landwirtschaftsbetriebe
Für diese Aufgabe steht das Bild einer REGA für Landwirtschaftsbetriebe. Der Vergleich beschreibt eine Funktion: Eine Gefährdung wird gemeldet, ihre Dringlichkeit eingeordnet und die passende Hilfe organisiert.
Aus diesem Gedanken entsteht der Verein Hof & Boden. Die geplante Einsatzstelle soll die Fallführung übernehmen, wenn ein Landwirtschaftsbetrieb als Ganzes gefährdet ist und mehrere Zuständigkeiten ineinandergreifen. Bestehende Fachstellen bleiben in ihrer Rolle. Hof & Boden verbindet ihre Beiträge innerhalb eines gemeinsamen Auftrags.
Früherkennung
Eine ungeklärte Nachfolge oder der Ausfall einer Betriebsleitung kann der Beginn einer längeren Gefährdung sein. Eine erreichbare Meldestelle soll helfen, solche Situationen früh einzuordnen und einen nächsten Schritt zu klären.
Interdisziplinäre Soforthilfe
Bei akuter Gefährdung geht es zunächst um Fristen, Rechte und unmittelbar drohende Verluste. Die Fallleitung zieht die dafür nötigen Fachpersonen bei. Rechtliche Sicherung und betriebliche Abklärung werden aufeinander abgestimmt.
Entwicklung von Alternativen
Welche Bewirtschaftung passt zum Standort? Wer kann den Betrieb führen? Eine andere Pachtlösung, eine Kooperation oder eine neue Trägerschaft kann Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Entscheidend ist, dass daraus ein fachlich geprüftes und wirtschaftlich tragfähiges Vorhaben wird. Die Begleitung soll bis in die ersten Monate seiner Umsetzung reichen.
Moderation
Bei einer Hofübergabe berühren sich persönliche Bindungen, Eigentumsfragen und Vorstellungen über die Zukunft. Eine sorgfältige Moderation hilft, diese Interessen auszusprechen und die anstehenden Entscheidungen gemeinsam zu bearbeiten.
Wissen bündeln
Jeder begleitete Fall soll nachvollziehbar machen, was geholfen hat und wo Schwierigkeiten bestehen blieben. Aus diesen Erfahrungen lassen sich Vorgehensweisen verbessern und wiederkehrende Hindernisse gegenüber den zuständigen Stellen benennen.
Regionale Entwicklungsfähigkeit sichern
Eine betriebliche Perspektive braucht auch Menschen ausserhalb des Hofes, die sie mittragen. Dazu können Verarbeiter und Abnehmer gehören, ebenso Gemeinden oder Finanzierungspartner. Ihre Möglichkeiten sollten bereits in die Entwicklung des Betriebskonzepts einfliessen.
Es geht um weit mehr als einen Hof
Der Rüeggshuser Fall führt damit zu einer grösseren Frage: Wie organisieren wir die Beziehungen, von denen die Zukunft unserer Landwirtschaft abhängt?
Ein Hof kann neue Kulturen anbauen. Ob daraus ein tragfähiger Betriebszweig entsteht, hängt auch von Verarbeitung und Nachfrage ab. Eine langfristig sinnvolle Entwicklung kann in den ersten Jahren besonders viel Unterstützung brauchen. Dann muss auch die Finanzierung zu diesem zeitlichen Verlauf passen.
Hier verbindet sich Hof & Boden mit RARE, der Architektur resilienter Agrarregionen. RARE betrachtet Betrieb, Region und System im Zusammenhang. AgriMetrix bildet die gemeinsame Sprache, um ökologische, soziale und regionalökonomische Leistungen nachvollziehbar zu machen. Im Agrardialog werden diese Leistungen mit den Erfahrungen der Betriebsleitenden und den Entscheidungen von Verarbeitung, Handel, Finanzierung, Versicherung und öffentlicher Hand verbunden.
Die Region gehört damit von Anfang an zur Suche nach einer Lösung. Ihre Betriebe und Institutionen können Bedingungen schaffen, unter denen eine landwirtschaftliche Perspektive tatsächlich umsetzbar wird.
Für Hof & Boden ist ein Pilot mit zehn Betrieben über zwei Jahre vorgesehen. An unterschiedlichen Gefährdungslagen soll sich zeigen, welche Unterstützung gebraucht wird und wie eine verlässliche Einsatzstelle aufgebaut werden kann.
Für diesen Aufbau suche ich Menschen, die fachliche Verantwortung übernehmen oder die Arbeit finanziell ermöglichen. Wer Hof & Boden mittragen möchte, ist eingeladen, sich bei mir zu melden.

Kai Isemann
Über 30 Jahre internationale Finanzwirtschaft und unternehmerische Erfahrung prägen meine Arbeit. Heute kuratiere ich Denk- und Entwicklungsräume an den Schnittstellen von Landwirtschaft, Gesellschaft und Kapital.
Hier entstehen Reallabore, Dialogräume und Impulse, die Zusammenhänge sichtbar machen und Orientierung in komplexen Situationen schaffen.
Entwicklung beginnt dort, wo unterschiedliche Wirklichkeiten eine gemeinsame Sprache finden.
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