Schreiben als Übersetzung
Themenbereiche
Schreiben wird oft als Ausdruck verstanden.
Als Form der Mitteilung.
Als Möglichkeit, Gedanken zu ordnen.
Und Positionen sichtbar zu machen.
In dieser Arbeit ist Schreiben etwas anderes.
Es ist Übersetzung.
Übersetzung beginnt nicht am Schreibtisch.
Sie beginnt im Mitwirken.
Dort, wo Spannungen spürbar werden.
Wo Entscheidungen nicht mehr delegierbar sind.
Wo Sprache fehlt, um das zu fassen, was bereits wirkt.
Schreiben setzt dort an, wo Erfahrung noch ungeordnet ist.
— Schreiben folgt nicht dem Denken.
— Es geht ihm voraus.
Übersetzen heisst nicht, etwas Vereinfachtes verständlich zu machen.
Es heisst, etwas Komplexes lesbar zu halten.
Ohne zu glätten.
Ohne aufzulösen.
Ohne zu erklären, bevor verstanden werden kann.
In lebendigen Systemen entstehen Wirklichkeiten gleichzeitig.
Ökologisch.
Sozial.
Ökonomisch.
Sie lassen sich nicht trennen, ohne etwas zu verlieren.
Schreiben als Übersetzung versucht, diese Gleichzeitigkeit auszuhalten.
— Übersetzung ist keine Reduktion.
— Sie ist eine Form der Verantwortung.
Was übersetzt wird, wird sichtbar.
Nicht vollständig.
Aber ausreichend, um Entscheidungen möglich zu machen.
Was unübersetzt bleibt, wirkt trotzdem.
Nur ungesehen.
Und damit ungetragen.
Schreiben ist in diesem Sinn keine nachträgliche Reflexion.
Es ist Teil der Arbeit.
Nicht im Rückblick.
Im Vollzug.
Während Prozesse laufen.
Während Ordnungen sich verschieben.
Während Begriffe noch unscharf sind.
Viele Texte versuchen, Sicherheit herzustellen.
Durch Erklärung.
Durch Einordnung.
Durch Schlussfolgerungen.
Schreiben als Übersetzung verzichtet darauf.
Es schafft keinen Abschluss.
Es öffnet einen Raum.
— Verstehen ist kein Zustand.
— Es ist ein Prozess.
Übersetzendes Schreiben nimmt Stellung.
Nicht durch Meinung.
Sondern durch Auswahl.
Was benannt wird.
Was offen bleibt.
Wo eine Grenze gezogen wird.
Und wo nicht.
Diese Auswahl ist nie neutral.
Sie ist immer situiert.
Und genau deshalb verantwortbar.
Schreiben als Übersetzung ist keine Einladung zum Konsens.
Es ist eine Einladung zur Auseinandersetzung.
Nicht mit dem Text.
Sondern mit dem, was er sichtbar macht.
Wer schreibt, übernimmt Verantwortung für die Ordnung der Worte.
Und damit auch für die Ordnungen, die durch sie entstehen.
Schreiben als Übersetzung heisst, sich diesem Zusammenhang auszusetzen.
Ohne Heilsversprechen.
Ohne Schuldzuweisung.
Ohne Absicherung.
Nur mit Aufmerksamkeit für das, was bereits da ist.

Kai Isemann
Ich wirke in lebendigen Systemen.
Nicht aus beobachtender Distanz, sondern von innen heraus.
Meine Impulse entstehen dort, wo Verantwortung tatsächlich getragen wird.
In Beziehungen, in Organisationen, in Übergängen.
Schreiben ist dabei keine Tätigkeit für sich.
Es ist eine Form der Übersetzung aus dem Mitwirken heraus.
Was hier sichtbar wird, ist nicht gedacht im Nachhinein.
Es ist wahrgenommen im Geschehen.
Ohne Schuldzuweisung.
Ohne Heilsversprechen.
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