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Wenn irdischer Humus gegen den Mars verliert

Wenn irdischer Humus gegen den Mars verliert

Vor wenigen Tagen wurde SpaceX mit rund 1,8 Billionen US-Dollar bewertet.
Eine Zahl, die sich kaum vorstellen lässt.

Sie übersteigt die Vermögenswerte vieler Staaten.
Sie übersteigt die Vermögenswerte ganzer Branchen.
Und sie erzählt eine Geschichte, die weit über SpaceX hinausgeht.

Interessant ist hier nicht die Raumfahrt.
Interessant ist die Ökonomie.

Der Kapitalmarkt ist bereit, 1’800 Milliarden US-Dollar für Leistungen zu bezahlen, die vielleicht irgendwann in der Zukunft erbracht werden.
Vielleicht.
Wenn Technologien funktionieren.
Wenn Märkte entstehen.
Wenn Menschen eines Tages tatsächlich auf dem Mars leben.

Für diese Möglichkeit fliesst Kapital.
In gewaltigen Mengen.

Zur gleichen Zeit kämpfen Landwirtschaftsbetriebe um Investitionen, die im Vergleich dazu kaum sichtbar erscheinen.

Eine Hofübergabe.
Ein Agroforstsystem.
Eine Verarbeitungsstruktur.
Eine regionale Wertschöpfungskette.
Ein Humusaufbauprogramm.

Die Summen bewegen sich oft in einer Grössenordnung, die an den Finanzmärkten innerhalb weniger Sekunden den Besitzer wechselt.

Hier beginnt die eigentliche Geschichte.

Der Kapitalmarkt glaubt daran, dass Menschen eines Tages auf dem Mars leben könnten.
Dem gleichen Kapitalmarkt fällt es schwer zu erkennen, dass Menschen auch morgen noch essen müssen.

Der Impuls verweist auf eine der zentralen Fragen unserer Zeit.
Wie kommt es, dass Hoffnungen leichter Kapital anziehen als bereits erbrachte Leistungen?


— Eine Ökonomie, die Erwartungen höher bewertet als erbrachte Leistungen, verliert den Kontakt zu ihren Grundlagen.


Die Antwort beginnt dort, wo wirtschaftlicher Wert entsteht.

Wer einen Landwirtschaftsbetrieb besucht, begegnet einer Form von Wertschöpfung, die erstaunlich selten als solche betrachtet wird.

Dort entstehen Lebensmittel.
Dort wird Humus aufgebaut.
Dort wird Wasser gespeichert.
Dort werden Nährstoffkreisläufe gepflegt.
Dort entstehen Lebensräume.
Dort wird Kohlenstoff gebunden.
Dort werden Landschaften erhalten.
Dort werden Grundlagen geschaffen, auf denen auch kommende Generationen wirtschaften können.

Diese Leistungen finden statt.
Heute.
Nicht irgendwann.

Nicht unter der Voraussetzung, dass ein Geschäftsmodell aufgeht.
Nicht unter der Voraussetzung, dass ein Markt entsteht.
Sie finden statt, ob jemand hinsieht oder nicht.

Genau darin liegt das Paradoxon.

Wer eine Vision verkauft, findet leichter Kapital als jemand, der eine Leistung erbringt.
Wer eine ferne Zukunft beschreibt, erhält Aufmerksamkeit.
Wer Grundlagen erhält, muss seinen Nutzen erklären.


— Der wertvollste Vermögenswert einer Gesellschaft ist oft jener, den sie am selbstverständlichsten behandelt.


Ein fruchtbarer Boden erscheint weder in einer Erfolgsrechnung noch in einem Geschäftsbericht.
Der Wasserhaushalt einer Region ebenfalls nicht.
Die Fähigkeit einer Landschaft, Trockenperioden zu überstehen, taucht in keinem Portfolio auf.
Die Widerstandsfähigkeit eines regionalen Ernährungssystems wird an keiner Börse gehandelt.

Dabei sprechen wir über Vermögen.
Über reales Vermögen.
Über Vermögen, das jeden Tag Leistungen hervorbringt.

Jede Volkswirtschaft lebt davon.
Jede.

Auch jene, die von künstlicher Intelligenz, Digitalisierung oder Raumfahrt getragen werden.

Denn bevor über andere Planeten gesprochen werden kann, braucht es Nahrung.
Wasser.
Energie.
Und funktionierende soziale Systeme.

Die moderne Wirtschaft behandelt ihre Grundlagen häufig wie eine Selbstverständlichkeit.
Sie sind einfach da.

Der Boden trägt.
Das Wasser fliesst.
Die Bestäuber bestäuben.
Die Menschen arbeiten.
Die Gemeinschaft funktioniert.

Erst wenn eines dieser Elemente ausfällt, wird sichtbar, welche Bedeutung es tatsächlich besitzt.

Welche Wirtschaft funktioniert ohne Boden?
Welche Wirtschaft funktioniert ohne Wasser?
Welche Wirtschaft funktioniert ohne soziale Stabilität?

Bis heute gibt es darauf keine überzeugende Antwort.

Hier liegt wohl der eigentliche blinde Fleck.

Die Finanzindustrie verfügt über hochentwickelte Instrumente zur Bewertung von Unternehmen.

Zukünftige Cashflows lassen sich modellieren.
Risiken lassen sich berechnen.
Märkte lassen sich analysieren.
Bewertungen lassen sich begründen.

Beim Aufbau von Humus, bei Biodiversität oder bei der Regeneration von Landschaften endet diese Präzision erstaunlich schnell.

Dabei entstehen genau dort Leistungen von erheblichem wirtschaftlichem Wert.

Ein zusätzlicher Prozentpunkt Humus wird kaum auf Titelseiten diskutiert. Für einen Landwirt kann er über den Verlauf eines trockenen Sommers entscheiden. 

Mit anderen Worten: Er schafft wirtschaftlichen Wert.

Nur erscheint dieser Wert selten dort, wo Investitionsentscheidungen getroffen werden.


— Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo Grundlagen gepflegt werden.


Die Geschichte wird noch interessanter.

Die meisten Menschen betrachten diese Kapitalströme als etwas Fremdes.
Als etwas, das von Banken, Fondsmanagern, Investmentkomitees oder Verwaltungsräten gesteuert wird.

Das stimmt nur teilweise.

Tatsächlich sind fast alle Menschen in der Schweiz bereits Teil dieser Entscheidungen.

Über die AHV.
Über ihre Pensionskasse.
Über Lebensversicherungen.
Über Sparguthaben.
Über Anlagefonds.
Über öffentliche Vermögen.

Das Kapital, das nach Rendite sucht, gehört nicht einem abstrakten Markt.
Es gehört den Bürgerinnen und Bürgern.

Es ist ihr Alterskapital.
Ihr Versicherungskapital.
Ihr Erspartes.


— Die Schweiz investiert jeden Tag in ihre Zukunft.
Die legitime Frage lautet: In welche?


Hier entsteht eine bemerkenswerte Spannung.

Viele Menschen würden ihr Vorsorgekapital vermutlich lieber in fruchtbare Böden investieren als in Spekulationen auf die nächste technologische Hoffnung.
Lieber in Wasser als in Derivate.
Lieber in Ernährungssicherheit als in Quartalszahlen.
Lieber in die Widerstandsfähigkeit ihrer Region als in Geschäftsmodelle auf einem anderen Kontinent.

Die Kapitalströme erzählen jedoch oft eine andere Geschichte.

Zwischen den Bedürfnissen der Menschen und den Entscheidungen ihrer Vermögen hat sich eine Distanz aufgebaut.

Boden ist Infrastruktur.
Vielleicht sogar die wichtigste Infrastruktur überhaupt.

Keine Strasse produziert Nahrung.
Kein Rechenzentrum produziert Nahrung.
Kein Finanzprodukt produziert Nahrung.

Ein Boden tut es.
Aus Sicht des Menschen, schon immer.

Und doch wird er häufig behandelt wie ein kostenloser Produktionsfaktor.

Dabei gehört er zu den komplexesten Vermögenswerten unserer Gesellschaft.

Ein gesunder Boden speichert Wasser.
Er speichert Kohlenstoff.
Er ermöglicht Erträge.
Er puffert Extremwetterereignisse.
Er erhöht die Stabilität ganzer Regionen.

Wer langfristig denkt, müsste ihn als strategische Infrastruktur betrachten.

Die grössten Risiken stehen oft ausserhalb der Risikoabteilungen.

Versicherungen beschäftigen sich mit Risiken.
Pensionskassen mit langfristiger Sicherheit.
Asset Manager mit nachhaltigen Renditen.
Stiftungen mit gesellschaftlicher Entwicklung.
Öffentliche Institutionen mit dem Gemeinwohl.

All diese Perspektiven haben eines gemeinsam.
Sie hängen von stabilen ökologischen und sozialen Systemen ab.

Trotzdem fliesst nur ein kleiner Teil der verfügbaren Mittel direkt in deren Regeneration.

Die Beobachtung ist bemerkenswert.

Die Institutionen, die langfristige Stabilität sichern sollen, investieren nur begrenzt in die Grundlagen dieser Stabilität.

Vielleicht liegt das an bestehenden Bewertungsmodellen.
Vielleicht an regulatorischen Rahmenbedingungen.
Vielleicht an historisch gewachsenen Investitionslogiken.

Die Erklärung ist zweitrangig.
Entscheidend ist die Distanz zwischen dem, was unsere Gesellschaft trägt, und dem, was Kapital anzieht.

Die Frage lautet längst nicht mehr, ob genügend Kapital vorhanden ist.
Die Frage lautet, welche Zukunft dieses Kapital finanziert.


Regeneration ist kein Nebenschauplatz der Ökonomie.
— Sie ist ihre Vorbedingung.


Worüber wird hier eigentlich gesprochen?

Naturschutz?
Förderprogramme?
Ökologische Anliegen?
Nur am Rand.

Im Kern geht es um Vermögensaufbau.

Um Risikomanagement.
Um Versorgungssicherheit.
Um Produktivität.
Um die Fähigkeit einer Gesellschaft, auch in dreissig oder fünfzig Jahren handlungsfähig zu bleiben.

Aus dieser Perspektive verändert sich die Diskussion.

Humus wird zu Infrastruktur.
Wasser wird zu Kapital.
Biodiversität wird zu Risikomanagement.
Landwirtschaft wird zu einem Teil der wirtschaftlichen Grundversorgung.
Regeneration wird zu einer Investition.

Möglicherweise ist das die eigentliche Geschichte hinter jeder spektakulären Milliardenbewertung.

Sie erzählt weniger über das bewertete Unternehmen.
Und viel mehr darüber, wie eine Gesellschaft Wert definiert.

Vielleicht wird eines Tages ein Mensch auf dem Mars leben.

Acht Milliarden Menschen leben heute auf der Erde.

Die eigentliche Investitionsfrage lautet, welcher dieser beiden Orte für unsere Kapitalströme Priorität besitzt.

Anmerkung der Autorenschaft

Dieser Beitrag richtet sich weder gegen Raumfahrt noch gegen technologische Innovation.
Beide erweitern den Horizont menschlicher Möglichkeiten.

Die Frage lautet, weshalb die Regeneration von Böden, Wasserhaushalten und Landschaften bis heute nur einen Bruchteil jener Aufmerksamkeit erhält, die zukünftigen Erwartungen gewidmet wird.
Die Antwort darauf sagt viel über die Architektur unseres Wirtschaftssystems aus.


Kai Isemann

Ich wirke in lebendigen Systemen.
Von innen.
Meine Impulse entstehen dort, wo Verantwortung getragen wird.
In Beziehungen, in Organisationen, in Übergängen.
Schreiben ist dabei Übersetzung.
Aus der Praxis in den Zusammenhang.
Was hier sichtbar wird, entsteht im Mitwirken.
Es verbindet Boden und Entscheidung.


Weitere Impulse aus der Randzone

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