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Wenn irdischer Humus gegen den Mars verliert

Wenn irdischer Humus gegen den Mars verliert

Für seinen Börsengang im Juni 2026 setzte SpaceX eine Bewertung von rund 1,8 Billionen US-Dollar an. Hinter dieser Zahl stehen bestehende Geschäfte mit Satellitenkommunikation und Raumtransport, aber auch weitreichende Erwartungen. Der Kapitalmarkt gibt Möglichkeiten einen heutigen Preis, deren Verwirklichung noch Jahre entfernt sein kann.

Auf Landwirtschaftsbetrieben geht es um andere Grössenordnungen. Eine Hofübergabe, der Aufbau eines Agroforstsystems oder eine gemeinsame Verarbeitung brauchen vergleichsweise kleine Investitionen. Trotzdem kann ihre Finanzierung zur entscheidenden Hürde werden. Selbst dort, wo der Bedarf greifbar ist und die Menschen bereit sind, die Arbeit zu übernehmen.

Mich beschäftigt daran die Bewertung. Wie kommt es, dass sich weitreichende Zukunftserwartungen in einen Unternehmenswert übersetzen lassen, während Betriebe um die Finanzierung ihrer Lebensgrundlagen ringen?


Eine Ökonomie, die Erwartungen genauer bewertet als ihre eigenen Grundlagen, hat ein Bewertungsproblem.


Wer einen Landwirtschaftsbetrieb besucht, sieht zunächst, was dort wächst und geerntet wird. Die Bewirtschaftung wirkt jedoch über die Ernte hinaus. Je nach Standort und Arbeitsweise kann sie Humus aufbauen, die Wasseraufnahme des Bodens verbessern und Lebensräume erhalten. Damit beeinflusst sie auch die Voraussetzungen, unter denen in den kommenden Jahren Lebensmittel entstehen.

Diese Leistungen brauchen Wissen, Arbeit und Zeit. In der Rechnung des Betriebs erscheinen zunächst die verkäuflichen Produkte: Milch, Getreide, Obst oder Fleisch. In der Schweiz tragen Direktzahlungen dazu bei, auch Leistungen für die Allgemeinheit zu finanzieren, etwa den Erhalt natürlicher Lebensgrundlagen und die Pflege der Kulturlandschaft.

Ein Teil des Nutzens reicht dennoch weit über den Betrieb hinaus. Wenn eine Fläche bei starkem Regen mehr Wasser aufnehmen kann und weniger Boden abgeschwemmt wird, bleibt dem Betrieb fruchtbare Erde erhalten. Wo dadurch auch Schäden an Wegen oder Gebäuden vermieden werden, profitieren weitere Menschen und Institutionen. Die Arbeit findet auf dem Hof statt; ihre Wirkung verteilt sich über die Parzellengrenzen hinweg.

Was vielen nützt, passt schlecht in eine einzelne Erfolgsrechnung. Für eine Investition zählt deshalb neben ihrem Nutzen auch, welcher Anteil davon als Einkommen beim Betrieb ankommt. Aus einem gesellschaftlichen Gewinn entsteht noch keine Einnahme, mit der sich ein Darlehen zurückzahlen lässt. Gerade bei Leistungen für Natur und Landschaft erschweren solche fehlenden oder unsicheren Einnahmen die Finanzierung.

Aus der Finanzwirtschaft kenne ich die Sorgfalt, mit der künftige Zahlungsströme und Risiken modelliert werden. Diese Sorgfalt braucht es auch beim Boden. Sein Wert erschöpft sich weder im Preis der Fläche noch im Erlös einer einzelnen Ernte. Entscheidend ist ebenso, was seine Fruchtbarkeit über Jahre ermöglicht und welche Kosten entstehen, wenn sie verloren geht.

Der blinde Fleck liegt zwischen den Zuständigkeiten. Ein Betrieb kann seine Leistungen verbessern und belegen. Damit ist noch offen, wer sich an den Kosten beteiligt, wie lange eine Vereinbarung trägt und wer das Risiko übernimmt, wenn die Entwicklung anders verläuft als erwartet. Eine genauere Bewertung ist ein Anfang. Die Verbindung zur Finanzierung muss daraus erst entstehen.

Die Kapitalmärkte können dabei wie eine ferne Welt erscheinen. Tatsächlich sind viele Menschen in der Schweiz über ihre berufliche Vorsorge, Versicherungen, Sparguthaben oder Fonds mit ihnen verbunden. Hinter einem Teil der verwalteten Vermögen stehen ihre Ersparnisse und Ansprüche auf künftige Leistungen. Sie entscheiden selten über einzelne Anlagen, sind aber an deren Folgen beteiligt.

Damit rückt die Frage näher. Wer für das Alter vorsorgt, erwartet ein verlässliches Einkommen. Dieses Einkommen soll später ein Leben ermöglichen, zu dem Lebensmittel und sauberes Wasser gehören. Die finanzielle Vorsorge und der Erhalt dieser Grundlagen betreffen dieselben Menschen.

Boden ist Infrastruktur. Bei Strassen, Stromnetzen und Wasserversorgungen gehört die Frage nach dem langfristigen Erhalt selbstverständlich zur Planung. Beim Boden treffen private Bewirtschaftung und eine weitreichende gesellschaftliche Abhängigkeit aufeinander. Seine Pflege liegt wesentlich bei einzelnen Betrieben; von seiner Funktionsfähigkeit hängt eine ganze Region ab.

Wer Bodenfruchtbarkeit erhält, bewahrt deshalb mehr als die Produktionsgrundlage des eigenen Hofs. Wer geschädigte Böden wieder aufbaut, investiert auch in die Möglichkeiten der Menschen, die später dort wirtschaften werden. Diese Arbeit braucht einen Zeitraum, der über die nächste Ernte und den nächsten Jahresabschluss hinausreicht.

Für die Institutionen, die Kapital verwalten, entsteht daraus eine konkrete Aufgabe. Pensionskassen müssen Renten sichern, Versicherungen ihre Verpflichtungen erfüllen. Eine Investition in Landwirtschaft muss diesen Anforderungen standhalten. Ihr ökologischer Nutzen allein macht sie weder sicher noch rentabel.

Gerade deshalb lohnt es sich, die Interessen genauer zusammenzuführen. Ein Verarbeiter könnte sich an einer Entwicklung beteiligen, die seine künftige Rohstoffversorgung stärkt. Eine Gemeinde könnte Leistungen für den regionalen Wasserhaushalt mittragen. Für den Betrieb würde daraus erst dann eine verlässliche Grundlage, wenn aus diesen Interessen längerfristige Vereinbarungen werden. Solche gesicherten Einnahmen können wiederum helfen, eine Investition zu finanzieren.

Es geht dabei um eine faire Zuordnung: Welche Kosten gehören zum Betrieb, welcher Nutzen entsteht anderswo, und wer übernimmt welchen Anteil? Auch eine Leistung, die sich kaum privat verrechnen lässt, kann eine öffentliche Finanzierung rechtfertigen. Die Verantwortung für ihre Finanzierung bleibt eine wirtschaftliche und politische Entscheidung.


Kapital ist vorhanden. Offen bleibt, welche Zukunft es finanziert.


Aus dieser Perspektive gehört die Regeneration von Böden mitten in die wirtschaftliche Betrachtung. Sie betrifft den Erhalt produktiven Vermögens und die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen künftig arbeiten und sich versorgen können. Dafür braucht es dieselbe Ernsthaftigkeit, mit der andere langfristige Investitionen geprüft werden.

Die spektakuläre Bewertung eines Raumfahrtunternehmens zeigt, wie weit der Kapitalmarkt vorausdenken kann. Beim Boden liegt die Herausforderung näher: Sein Nutzen ist bereits da, doch ein Teil davon bleibt ohne verlässliche Verbindung zu den Menschen, die ihn erhalten.

Vielleicht lebt eines Tages ein Mensch auf dem Mars. Milliarden Menschen leben heute auf der Erde und werden auch in den kommenden Jahrzehnten fruchtbare Böden brauchen. Eine Finanzwirtschaft, die ferne Möglichkeiten bewerten kann, sollte auch Wege finden, den Erhalt dieser Böden langfristig zu finanzieren.


Kai Isemann

Über 30 Jahre internationale Finanzwirtschaft und unternehmerische Erfahrung prägen meine Arbeit. Heute kuratiere ich Denk- und Entwicklungsräume an den Schnittstellen von Landwirtschaft, Gesellschaft und Kapital.

Hier entstehen Reallabore, Dialogräume und Impulse, die Zusammenhänge sichtbar machen und Orientierung in komplexen Situationen schaffen.

Entwicklung beginnt dort, wo unterschiedliche Wirklichkeiten eine gemeinsame Sprache finden.


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