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Krank? Oder einfach nur vielfältig?

Krank? Oder einfach nur vielfältig?

In der psychologischen Analyse werden Menschen häufig mit der Mehrheit verglichen – den „meisten Menschen“. Wer abweicht, gilt schnell als „krank“. Besonders Menschen aus dem Autismus-Spektrum oder mit ADHS erleben diesen Stempel oft hautnah. Dabei sehnen sich viele geradezu nach einer offiziellen Diagnose – nicht etwa, weil sie krank sein wollen, sondern weil sie in einer normierten Welt endlich einen Platz finden möchten, an dem sie verstanden werden.

Doch was wäre, wenn wir diese Sichtweise hinterfragen? Statt Defizite zu betonen, könnten wir die einzigartigen Fähigkeiten und Perspektiven von neurodivergenten Menschen als wertvolle Bereicherung für die Gesellschaft anerkennen. Denn was heute als „Störung“ gilt, war in anderen Zeiten oft ein evolutionärer Vorteil.

Seit diesem Jahr bin ich offiziell ein „Late Diagnosed“. Die Psychologie hat mich in die Kategorie ADHS/Asperger-Autismus eingeordnet. All die Jahre bisher habe ich mich irgendwie arrangiert – und war, wie auch mein Umfeld, blind dafür. Doch die Diagnose war nicht nur ein befreiender Moment. Vielmehr erlebte ich einen bürokratischen und medizinischen Spiessrutenlauf, bei dem ich mich fast wie ein Krimineller fühlte.

Der Diagnoseprozess als Hürde: Bürokratie statt Unterstützung

Die Diagnoseprozesse in der Schweiz – insbesondere bei der Invalidenversicherung (IV) – sind für viele Betroffene eine Tortur. Sie ziehen sich über Monate, manchmal Jahre, und setzen die Betroffenen einem immensen zusätzlichen Druck aus. Die IV ist mit der steigenden Anzahl neurodivergenter Diagnosen offensichtlich überfordert. Wissenschaftliche Studien belegen, dass die bürokratischen Hürden für eine Anerkennung der Diagnose oft so hoch sind, dass viele Menschen trotz nachgewiesener Einschränkungen keine Unterstützung erhalten (Kraus 2022).

Ein Erfahrungsbericht eines Betroffenen zeigt, wie entwürdigend dieser Prozess sein kann:

„Ich musste mich vor der IV mehrfach rechtfertigen, warum ich Schwierigkeiten im Arbeitsleben habe. Ich habe Tests absolviert, Formulare ausgefüllt, Gutachten eingereicht – und trotzdem wurde meine Diagnose infrage gestellt. Ich wurde behandelt, als ob ich mir meine Probleme nur einbilde oder faul wäre.“

Dies ist kein Einzelfall. Studien aus der Sozialwissenschaft zeigen, dass Menschen mit unsichtbaren Behinderungen, insbesondere aus dem Autismus-Spektrum oder mit ADHS, systematisch benachteiligt werden (Schneider 2021). Die IV geht oft nach dem Prinzip „sehen ist glauben“ vor – wer nicht offensichtlich körperlich eingeschränkt ist, hat es schwer, ernst genommen zu werden.

Der evolutionäre Vorteil von Neurodivergenz

Die Vorstellung, dass Autismus oder ADHS reine „Störungen“ sind, ignoriert eine zentrale Frage: Warum haben sich diese Eigenschaften in der Evolution gehalten? Wären sie reine Defizite, hätten sie sich längst aus dem Genpool herausgefiltert. Stattdessen gibt es immer wieder neurodivergente Menschen – weil sie in bestimmten Kontexten für das Überleben der Menschheit von Vorteil waren.

Autismus und die Rolle der Spezialisten in frühen Gesellschaften

Anthropologen gehen davon aus, dass autistische Menschen in der Steinzeit eine wichtige Rolle spielten. Ihre Fähigkeit, sich über lange Zeiträume tief in spezifische Themen zu vertiefen, war essenziell für die Entwicklung neuer Technologien.

Ein Beispiel: In steinzeitlichen Gesellschaften brauchte man Experten, die sich intensiv mit Werkzeugherstellung beschäftigten. Während neurotypische Menschen möglicherweise nach kurzer Zeit das Interesse verloren, konnten neurodivergente Individuen stundenlang Feuerstein schleifen oder Jagdstrategien perfektionieren. Studien an traditionellen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften zeigen, dass Menschen mit autistischen Zügen oft als „Wissenshüter“ oder „Handwerksmeister“ geschätzt wurden (Spikins 2018).

ADHS als Vorteil für Jäger und Entdecker

ADHS wird oft mit „Konzentrationsschwierigkeiten“ und „Impulsivität“ in Verbindung gebracht. Doch was wäre, wenn genau diese Eigenschaften unsere Vorfahren überleben liessen?

ADHS steht mit einer erhöhten Dopaminverarbeitung im Gehirn in Verbindung – was bedeutet, dass Menschen mit ADHS besonders wachsam, reaktionsschnell und abenteuerlustig sind. In nomadischen Gesellschaften war das ein Vorteil: Jäger mussten blitzschnell auf Bewegungen reagieren, Entdecker mussten bereit sein, Risiken einzugehen. Untersuchungen an indigenen Völkern zeigen, dass Menschen mit ADHS häufiger in Gruppen von Nomaden vorkommen, während sesshafte Gesellschaften niedrigere Raten aufweisen (Eisenberg 2008).

Kurz gesagt: Das, was heute in einem Büro als „Unruhe“ wahrgenommen wird, war in der Wildnis überlebenswichtig!

Hohe Sensibilität als Frühwarnsystem

Neurodivergente Menschen reagieren oft empfindlicher auf Geräusche, Licht oder zwischenmenschliche Spannungen. Dies wird oft als Belastung gesehen – dabei war es in früheren Zeiten ein wichtiger Schutzmechanismus.

Stellen wir uns eine prähistorische Dorfgemeinschaft vor: Während die meisten Menschen schliefen oder sich entspannten, bemerkte eine autistische Person subtile Veränderungen in der Umgebung – etwa das Geräusch eines heranschleichenden Raubtiers oder Anzeichen eines Wetterumschwungs. Ihr „Hyperfokus“ konnte die Gemeinschaft vor Gefahr warnen.

Diese Hypothese wird durch Studien zu Hochsensibilität gestützt: Hochsensitive Menschen haben eine aktivere Amygdala, das Zentrum für Gefahrenwahrnehmung im Gehirn (Aron 2010). Früher ein evolutionärer Vorteil – heute gerne missverstanden.

Ist „Normalität“ wirklich die Norm?

Die Definition von „Normalität“ ist eine Frage der Perspektive. Wer legt fest, was „gesund“ ist und was nicht? Menschen im Autismus-Spektrum haben oft ausgeprägte sensorische Fähigkeiten, tiefgehende analytische Denkweisen und eine hohe Detailgenauigkeit – Eigenschaften, die in vielen Berufen von Vorteil sein können. Doch weil ihre Reaktionen nicht der Norm entsprechen, werden sie ausgegrenzt statt gefördert.

Ein weiteres Beispiel eines Betroffenen:

„Ich habe jahrelang Masking betrieben – mich verstellt, angepasst, meine wahren Reaktionen unterdrückt. Nach meiner Diagnose dachte ich, es wird besser. Doch stattdessen kam die nächste Herausforderung: Ich wurde als ‚Problemfall‘ abgestempelt, bekam Medikamente aufgedrängt und wurde belächelt, wenn ich meine Bedürfnisse äusserte.“

Doch was, wenn wir neurodivergente Menschen nicht als „abweichend“, sondern als Teil eines breiten Spektrums menschlicher Vielfalt anerkennen würden? Studien belegen, dass neurodiverse Teams in Unternehmen kreativer und leistungsfähiger sind (Austin & Pisano 2017). Die Gesellschaft hätte also nichts zu verlieren – im Gegenteil, sie würde profitieren.

Ein Plädoyer für einen Paradigmenwechsel

Statt Menschen aus dem Autismus-Spektrum oder mit ADHS als „krank“ zu stigmatisieren, sollten wir ihre Stärken anerkennen. Sie können Frühwarnsysteme für gesellschaftliche Probleme sein, sie bringen neue Perspektiven ein und sie hinterfragen unreflektierte Normen.

Doch dafür braucht es ein System, das sie unterstützt – nicht eines, das sie durch bürokratische Mühlen zermalmt. Die IV und andere Institutionen müssen lernen, neurodivergente Menschen nicht als Belastung, sondern als Bereicherung zu sehen.

Ich feiere hier und jetzt deine und meine Einzigartigkeit – denn Vielfalt ist kein Fehler, sondern eine Stärke.


Kai Isemann

Ursprünglich aus der Finanzwelt kommend, begleite ich seit 2012 Menschen und Organisationen in sozial-ökologischer Transformation – besonders dort, wo Wirtschaftlichkeit und Gemeinwohl scheinbar im Widerspruch stehen. Mein Fokus liegt auf der agrarökologischen Entwicklung und der Gestaltung nachhaltiger Wertschöpfungskreisläufe.

Ich arbeite strikt nach dem Triple Bottom Line Modell. 1) Ist es gut für die Umwelt? 2) Ist es gut für die Menschen? 3) Ist es wirtschaftlich tragfähig? Und zwar in dieser Reihenfolge!

Mit interdisziplinären Ansätzen vereine ich Ökonomie, Agrarökologie und Gesellschaft, um regenerative Lösungen für Landwirtschaft und Kapitalallokation zu entwickeln.


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