ERDKINDER: Wenn Lernen lebendig wird
ERDKINDER: Wenn Lernen lebendig wird
Das System, in dem ich gross geworden bin, tut sich bis heute schwer, mich zu begreifen. Als hochsensibler und neurodiverser Mensch war ich schon früh zu schnell überwältigt, zu tief betroffen, zu leise für die Lauten und zu laut für die Stillen. Ich konnte vieles begreifen, aber selten das, was man von mir verlangte zu verstehen. Meine Kinder erleben Ähnliches. Deshalb begann ich früh damit, andere Wege zu suchen. Wege, die nicht gegen die Natur des Kindes arbeiten, sondern mit ihr.
Viele Jahre habe ich alternative pädagogische Konzepte studiert, besonders jene von Maria Montessori und Rudolf Steiner, nicht als Dogma, sondern aus einem inneren Drang heraus, das Lernen in seiner Tiefe zu begreifen. Immer wieder staunte ich darüber, wie präzise diese beiden Menschen das Wesen des Kindes beschrieben haben. Wie Lernen entsteht, wenn Hände denken dürfen und wenn die Welt nicht Theorie ist, sondern Berührung, Rhythmus und Verantwortung.
2017 durfte ich für die Montessori Erdkinder Schweiz Stiftung ein Oberstufen-Curriculum mitgestalten. Es wurde sorgfältig entwickelt, fachlich abgesichert, kantonal kompatibel. Aus Mangel an ökonomischer Energie und politischem Willen wurde es nicht umgesetzt. Vielleicht war die Zeit noch nicht reif. Vielleicht fehlte der Mut. Vielleicht war die Politik zu unentschlossen, wie so oft, wenn es um Bildung geht. Schulleitende und Lehrpersonen rufen seit Jahren nach Transformation, doch der politische Prozess bewegt sich träge.
Die Schweiz ist in vielem innovativ. Aber wenn es um unsere Kinder geht, verharren wir in alten Bildern. Unser heutiges Schulsystem stammt aus einer Zeit, in der Kinder auf das Leben in Fabriken vorbereitet werden sollten. Gleichschritt, Normen, Standardisierung. Das war der Auftrag des 19. Jahrhunderts, nicht der Zukunft. Und gerade in der Schweiz, in einem Land, in dem man sich so frei wie kaum irgendwo sonst den Rahmen selbst gestalten kann, wirkt diese Starrheit besonders fremd.
Heute führen Kinder und Jugendliche ein Leben, das viel komplexer, vernetzter und zugleich verletzlicher ist als je zuvor. Sie brauchen Räume, die nicht enger, sondern weiter werden. Sie brauchen Orte, an denen sie nicht funktionieren müssen, sondern sich entfalten dürfen. Orte, an denen sie mit ihrer ganzen Wahrnehmungsfülle, sensibel, neurodivers, eigenwillig, willkommen sind.
Ein eigener Ort und die Erkenntnis, dass es viel mehr braucht
Vor einigen Jahren durfte ich selbst einen landwirtschaftlichen Raum zum Hüten übernehmen. Einen lebendigen, atmenden Ort. Ich begann, kleine Bildungsimpulse einzuflechten. Einen Waldgarten, der Zeit vermittelt. Tiere, die Beziehung schaffen. Ein Raum, der Stille lehrt. Arbeit, die Sinn macht. Kleine Erdkinder Momente, wie feine Akkupunkturnadeln im Boden einer grossen Kulturlandschaft.
Mehr und mehr entstehen solche Orte, auf dem Glück-Hof in Baden, bei den Knechtles im Appenzell und an vielen weiteren stillen Stellen der Schweiz.
Doch klar ist: Einzelne Höfe reichen nicht. Wir brauchen eine wirkliche Erdkinder-Welle. Eine Bewegung, die Kindern ermöglicht, das Lernen wieder zu begreifen und nicht nur zu verstehen. Eine Struktur, die Schulen entlastet, statt sie zu belehren. Eine Möglichkeit, das Curriculum in die reale Welt zu holen, ohne das konventionelle System zu bekämpfen.
Deshalb habe ich mich mit Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Organisationen zusammengesetzt und ein Modell entwickelt, das flächendeckend tragfähig ist und politisch anschlussfähig bleibt. Ein Modell, das dort ansetzt, wo Schulen und insbesondere Lehrpersonen an ihre Grenzen stossen.
ERDKINDER: Lernen im lebendigen Raum
ERDKINDER verlegt Bildung dorthin, wo sie entsteht: in die Landschaft, in die Kreisläufe, in die Rhythmen, in das echte Tun. Das öffentliche Curriculum wird nicht ersetzt, sondern in Handlung übersetzt. Mathematik im Messen und Planen. Sprache im Beobachten und Beschreiben. Natur und Technik im Boden, im Wasser, im Wetter. Sozialkompetenz im gemeinsamen Arbeiten. Verantwortung im Umgang mit Tieren und Pflanzen.
Das Modell ist modular aufgebaut. Kurze Besuche. Ganze Tage. Wochenprogramme. Und schliesslich ein ganzes Semester ausserhalb des Klassenzimmers. Jeder Hof, egal ob mit Gemüse, Wald, Beeren, Tieren oder Handwerk, kann Teil davon werden. Entscheidend ist nicht die Produktion, sondern die Lebendigkeit.
Und Lebendigkeit findet sich überall.
Auf einem Gemüsehof lernen Kinder, wie aus Samen Nahrung wird. Sie halten in den Händen, was sie später essen, und begreifen zum ersten Mal, dass Wachstum nicht aus dem Regal kommt, sondern aus Erde, Wasser und Geduld. Sie rechnen Reihenabstände und Erntemengen, ohne es zu merken. |
In einem Waldstück wird Biologie plötzlich fühlbar. Kinder knien im Laub, heben eine Handvoll Erde hoch und sehen eine eigene Stadt aus Pilzen, Wurzeln und Insekten. Natur und Technik wird zu einem atmenden Organismus, nicht zu einer Abbildung. |
Auf einem Agroforstbetrieb erleben Jugendliche, wie Landschaft gestaltet wird. Sie messen Gefälle, planen Wasserrückhalt und bauen kleine Terrassen. Was in der Schule als trockener Stoff erscheint, wird hier zu einem Puzzle, das sie mit ihren Händen lösen. |
Auf Höfen mit Tieren entsteht ein sozialer Raum, der keine künstlichen Rollenspiele braucht. Ein Kind, das sonst still ist, übernimmt plötzlich die Führung beim Füttern. Ein anderes lernt, sich zurückzunehmen, weil Tiere auf laute Bewegungen reagieren. Sozialkompetenz entsteht nicht am runden Tisch, sondern im echten Gegenüber. |
Beim Handwerk im Hofatelier mit Holz, Lehm, Metall und Reparaturen erleben Jugendliche Selbstwirksamkeit, die sie zuvor kaum kannten. Es ist etwas anderes, einen Werkzeugkasten in der Theorie zu besprechen, als selbst etwas zu reparieren und am Ende zu sehen, dass es jetzt funktioniert, weil sie es gemacht haben. |
Auf einem Beerenhof oder in einer kleinen Verarbeitungsstube kommen Ernährung und Mathematik zusammen. Mengen und Gewichte. Haltbarkeit und Hygiene. Etiketten und Kreisläufe. Ein Tag in der Verarbeitung vermittelt mehr Gesundheitskompetenz als ein Monat im Klassenraum. |
Und auf Höfen mit Waldgärten, Permakulturflächen oder extensiven Weiden lernen Kinder, dass Ökologie nicht moralisch ist, sondern faszinierend. Sie entdecken Zusammenhänge, spüren Rhythmen, erleben Jahreszeiten als Werkstatt. |
Diese Orte öffnen sich nicht nur für Kinder, die gut funktionieren, sondern gerade für jene, die im konventionellen Schulraum an Grenzen stossen. Neurodiverse Kinder, fein wahrnehmende Jugendliche, hochsensible Persönlichkeiten. Was im Klassenzimmer als zu viel erscheint, zu viel Bewegung, zu viel Gefühl, zu viel Eigenwille, wird hier zur Ressource.
ERDKINDER schafft Lernräume, in denen jedes Kind seinen Platz finden kann. Nicht indem es klein gemacht wird, sondern indem die Welt grösser wird.
Was für die Kinder entsteht und was im Hintergrund getragen werden muss
Damit dieses Modell funktioniert, braucht es eine gemeinnützige Struktur, pädagogische Fachpersonen, Inklusionsbegleitung, regionale Koordinatorinnen, Sicherheitskonzepte, Material, Weiterbildungen. Und eine stabile Organisation, die Höfe wie Schulen unterstützt. Ein Semester auf einem Hof braucht Zeit, Präsenz und professionelle Begleitung. Es ist weit mehr, als ein Betrieb allein leisten kann.
Für den Aufbau solcher professionellen Strukturen braucht es eine solide Finanzierung. Ein gemeinnütziger ERDKINDER Fonds soll diese Aufgabe übernehmen. Er trägt die Kosten, damit Schulen frei entscheiden können. Kein Kind, keine Klasse, keine Schule soll vom Budget abhängen.
Im Hintergrund braucht es eine Aufbauphase von mehreren Hunderttausend Franken und danach einen jährlichen Betrieb, der sich nahe an zwei Millionen bewegt, je nachdem wie viele Höfe und wie viele Kinder teilnehmen. Das ist viel und zugleich wenig, wenn man bedenkt, wie tiefgreifend solche Lernräume wirken. Ein einziger Semesterhof verändert Leben und das über Generationen hinweg.
Die Schweiz hat alle Voraussetzungen – wir müssen sie nur nutzen
Kaum ein Land hat so viel Freiraum zur eigenen Gestaltung wie die Schweiz. Wir könnten diese Räume nutzen, um Bildung neu zu denken. Nicht als Bruch, sondern als Erweiterung. Schulen rufen danach, Lehrpersonen wünschen sich es, Kinder brauchen es. Doch die Politik bleibt langsam, zaudernd, überfordert. Wenn wir warten, verlieren wir eine weitere Generation an Lärm, Stress, Entfremdung und Überforderung.
Es liegt also an uns. An jenen, die Verantwortung übernehmen wollen und können. An jenen, die Entwicklungsräume kennen. An jenen, die begreifen, dass Bildung keine Ausgabe ist, sondern Kulturarbeit.
Wenn du Stiftungsvorstand bist, Unternehmerin, Vermögensverwalter, Förderer oder jemand, der im Stillen etwas Grosses bewegen möchte, lade ich dich ein, Teil dieser Aufbauarbeit zu werden. Der ERDKINDER Fonds soll nicht punktuell wirken, sondern strukturell. Er soll Lernräume schaffen, die Kindern ermöglichen, wieder in Beziehung zu sich selbst zu treten, zur Natur und zu anderen Menschen.
Ich freue mich über jede Kontaktaufnahme. Lassen wir gemeinsam zu, dass Kinder das Lebendige wieder begreifen dürfen!
Mein Wahrnehmen folgt einer unkonventionellen kognitiven Architektur, die Muster früh erkennt und Zwischenräume ernst nimmt. Dieser Blick hat mich viele Jahre durch die Welt der Grossfinanz getragen. Dort wurde er zum Brennglas und ich begriff, wo Geld entsteht, wie es sich bewegt und wen es zurücklässt. Eine Einsicht, zugleich präzise und schmerzhaft.
Heute verbinde ich dieses Begreifen mit der Arbeit im Lebendigen. Die Bewirtschaftung eines syntropischen Agroforsts gibt meinen Analysen und Projekten Boden. Die Triple Bottom Line Methodik hält sie im Gleichgewicht von Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft, damit Entwicklung dort entsteht, wo gesundes Leben sie trägt.
Weitere Impulse aus meinem Universum